01.10.2019

Interview mit Jörg Hoffmann und Vladimir Popov, MinebeaMitsumi

"Mehr Engagement im Maschinenbau"

Der Antriebsanbieter PM DM firmiert ab Oktober als MinebeaMitsumi Technology Center Europe. Gleichzeitig verstärkt das Unternehmen aus Villingen seinen Fokus auf die Industrie - nicht nur mit klassischen Motoren. Dass bei diesem Vorhaben ausreichend Kraft auf die Straße kommt, dafür sorgt Geschäftsführer Jörg Hoffmann. Er und Vladimir Popov, Leiter European Motion Technology, geben im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN Einblick in die strategischen Hintergründe, die Aufstellung und Ausrichtung in Europa sowie den künftigen Stellenwert der Antriebstechnik im Portfolio.


Bild: PM DM

Herr Hoffmann, Sie sind nicht nur Geschäftsführer vom Technology Center Europe (MTCE), sondern in Personalunion auch Chef von MinebeaMitsumi in Europa und Executive der japanischen Muttergesellschaft. Inwiefern lässt sich daraus auf den Stellenwert des deutschen Marktes schließen?

Jörg Hoffmann: Deutschland nimmt schon eine besondere Rolle ein. Das vor über 20 Jahren gegründete Tochterunternehmen PM DM wurde ursprünglich als reines Entwicklungszentrum für Festplattenmotoren gegründet. Ab der Jahrtausendwende haben wir angefangen, auch Motoren für den Industriebereich zu entwickeln. Der Ritterschlag vom Mutterhaus aus Japan kam dann wiederum 2010, als die Entwicklung in Deutschland um eine eigene Produktion erweitert wurde. Dieser Schachzug war sehr erfolgreich, denn die Business Unit ist schnell gewachsen. Über die folgenden Jahre haben wir uns letztendlich zum Dreh- und Angelpunkt für die Entwicklung von Industrie- und Automotive-Motoren im Konzern gemausert. Alle nächsten Schritte werden jetzt unter dem neuen Namen MinebeaMitsumi Technology Center Europe gehen.

Wird PM DM in diesem Zug komplett verschwinden?

Hoffmann: Nein, die Marke wollen wir schon beibehalten. Aber es wird sicherlich ein Spagat, PM DM weiter zu promoten, als Firma gleichzeitig mit anderem Namen aufzutreten. Letztlich wird die Niederlassung in Deutschland dadurch auch zum Entwicklungs-Headquarter für alle europäischen Standorte - und bildet dann das Dach für viele MinebeaMitsumi -Brands.

Was bedeutet das aus japanischer Sicht?

Hoffmann: Die Zusammenarbeit mit den japanischen Kollegen wird sicherlich intensiviert. Denn mittelfristiges Ziel ist es, am Standort Villingen zunehmend auch Lösungen abseits der Antriebstechnik zu entwickeln, z.B. Sensoren oder andere elektronische Komponenten. Kurzum: Alles was der Konzern für den europäischen Markt entwickelt, soll dann unter unserer Regie stattfinden.

Das klingt nach einer spannenden Aufgabe.

Hoffmann: Das ist es mit Sicherheit - und auch eine Auszeichnung, die wir uns hart erarbeiten mussten. Jetzt gilt es, alle über Europa verstreuten Töchter unter einen Hut zu bringen, einschließlich der Niederlassungen von U-Shin, die wir kürzlich übernommen haben.

Wie verträgt sich denn das Angebot von U-Shin mit dem bisherigen Portfolio von MinebeaMitsumi?

Hoffmann: Prinzipiell passt es sehr gut, denn U-Shin öffnet uns als Tier1-Zulieferer die Türen der Automobilhersteller. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Kernkompetenz von U-Shin liegt auf Zugangssystemen wie Türgriffen oder Verriegelungssystemen. Gerade auf deren Mechanik ist U-Shin spezialisiert. Die drumherum benötigte Elektronik und Antriebstechnik können wir wiederum ausgezeichnet Minebea-intern abdecken.

Ihr Portfolio erweitert sich also in eine neue Richtung?

Hoffmann: Ja, und dieser Ansatz ist tief in der DNA von MinebeaMitsumi verwurzelt. Ursprünglich wurden nur mechanische Teile produziert - wir sind nach wie vor der weltweit größte Hersteller von Miniaturkugellagern. Doch während das ursprünglich das einzige Geschäft war, macht es heute nur noch ein Viertel des Umsatzes aus. Stattdessen hat sich der Bereich der Elektronik und Elektromechanik für MinebeaMitsumi zu einem riesigen Markt entwickelt - quer durch alle Branchen: von Motoren für Automobil- und Industrieanwendungen über den Antennenverstärker bis hin zum Handy-Backlight. Über alle Unternehmensbereiche hinweg haben wir mittlerweile ein so großes Angebot, dass es auf den ersten Blick etwas durcheinander erscheinen mag. Doch bei genauer Betrachtung und aus technologischer Sicht ergibt alles durchaus Sinn. Darüber hinaus ist das extrem breite Spektrum des Konzerns natürlich auch eine gute Versicherung gegen die Konjunkturschwankungen der einzelnen Branchen.

Folgt MinebeaMitsumi in diesem Sinne dem Pfad, den auch viele andere Unternehmen einschlagen: weg vom Komponentenlieferant hin zum Systemanbieter?

Vladimir Popov: Ja, das ist das Ziel. Wir sind zwar traditionell ein Komponentenhersteller, aber weil wir mittlerweile so viele verschiedene Bauteile aus einer Hand anbieten, werden wir auf dem Markt auch immer stärker als Systemanbieter wahrgenommen.

Hoffmann: Das ist auch ganz klar ein Anspruch unserer Kunden. Sie versuchen mit weniger Lieferanten eine breitere Produktpalette abzubilden. In der Konsequenz eröffnet sich hier für uns eine große Chance. Nicht nur weil wir mehrere Teile aus einer Hand liefern, sondern diese auch nah am Kunden fertigen können. Schließlich haben wir Werke überall auf der Welt und sind entsprechend flexibel aufgestellt.

Betrifft dieser Ansatz Automotive und Industrie gleichermaßen?

Hoffmann: Insgesamt schon, es gibt aber durchaus deutliche Unterschiede. Allein schon die Stückzahlen betreffend: Während es im Automotive-Bereich schnell um mehrere hunderttausend Teile im Monat geht, sind es im Maschinenbau eher 500 bis 2.000. Aber die Industrie ist trotzdem ein wichtiger und guter Markt für MinebeaMitsumi und deshalb werden wir unsere Aktivitäten dort weiter ausbauen.

Und in wie weit unterscheiden sich die Motoren, die sie in den Automobilbau liefern, von denen für die Industrie?

Hoffmann: Hier gibt es schon große Synergien, denn im Endeffekt geht es ja um die selben Motortechnologien. Wir können z.B. für beide Branchen die gleiche Elektronik verwenden, natürlich in der jeweils passenden Adaptierung. Aber es gibt auch Unterschiede: Während im Automobilbau die Anforderungen bezüglich Temperatur, Robustheit oder Lebensdauer größer sind, benötigt die Industrie die höheren Drehmomente. Zudem sind hier in den meisten Fällen auch passende bzw. integrierte Getriebe gefragt.

Popov: In den Kernbereichen wie Elektronikentwicklung, Software oder Test richten wir uns oft erst einmal nach den Automotive-Standards. Varianten für den industriellen Einsatz lassen sich davon in der Regel gut ableiten, ohne das man etwas komplett Neues entwerfen muss.

Liegt der Fokus von MinebeaMitsumi also insgesamt stärker auf dem Automobilbau?

Hoffmann: Nein. Denn je nachdem wie weit man den Begriff Industrie fasst, entfallen 80 Prozent unseres Geschäfts auf diesen Markt. So auch bei den Antrieben: Von den monatlich produzierten 60 bis 65 Millionen Motoren, gehen gerade mal 10 Millionen Stück in den Automotive-Bereich.

Und nur bezogen auf den klassischen Maschinen- und Anlagenbau?

Hoffmann: Da wird es natürlich überschaubarer. Vermutlich macht diese Branche rund 5 Prozent des Geschäfts aus, was bei einem Gesamtumsatz von 10Mrd.US$ aber immer noch ziemlich viel ist. Aber wir bauen unser Engagement in diesem Bereich kontinuierlich aus. So stehen z.B. Robotik- und Handling-Systeme bei MinebeaMitsumi ganz oben auf der Agenda.

Popov: Wir adressieren hier hauptsächlich die jungen bzw. neu entstehenden Marktsegmente und weniger die klassischen Produktionslinien im Automobilbau. Gerade Leichtbauroboter, Serviceroboter und Cobots sind für uns sehr interessant. Genauso wie Exoskelette oder mobile autonome Systeme für die Logistik - beides ebenfalls Themen die aktuell stark an Fahrt aufnehmen.

Wird Europa als Markt durch solche Technologietrends aus MinebeaMitsumi-Sicht interessanter?

Hoffmann: Ja, und zwar überproportional. Dafür haben wir in Villingen sowie den anderen europäischen Tochtergesellschaften sehr hart gearbeitet - und so auch das dafür notwendige Vertrauen der Konzernführung gewonnen. Natürlich ist und bleibt Asien für MinebeaMitsumi der größte Markt. Aber in Europa besteht eben mehr Wachstumspotenzial. Und weil wir in den hiesigen Niederlassungen lokal entwickeln und produzieren, können wir trotz des japanischen Backgrounds den lokalen Marktanforderungen und Ansprüchen ausgezeichnet begegnen.

In wie weit kommt Ihnen dabei der Fachkräftemangel in die Quere?

Popov: Der Arbeitsmarkt in Europa ist natürlich eine Herausforderung. Da sieht die Situation in anderen Erdteilen deutlich besser aus. Aber was nützen die besten Entwickler in Indien, wenn sie keine Ahnung von den europäischen Vorlieben und Vorgaben haben? Wenn man die Bedürfnisse der Kunden konkret verstehen und erfüllen will, muss die Entwicklung lokal stattfinden.

Hoffmann: Für diese Einsicht haben japanische Firmen oft lange gebraucht. MinebeaMitsumi hat aber längst verstanden: Wenn man in Europa groß ins Geschäft kommen will, muss man entsprechende Ressourcen vor Ort haben. Genauso ist es übrigens in den USA oder in China.

Welchen Auftrag hat dabei das Entwicklungszentrum am neuen Standort in Košice?

Hoffmann: Der R&D-Standort in der Slovakei ist als Satellit konzipiert. Wir werden in Villingen also keine Kapazität abbauen, um sie nach Košice zu verschieben. Aber wir finden in Deutschland einfach nicht mehr genügend Entwickler.

Popov: Deswegen etabliert MinebeaMitsumi unter dem Dach des Technology Centers ein verteiltes Entwicklungsnetzwerk in Europa - das am Ende aber wie ein Standort funktioniert. Die Basis dafür bieten moderne digitale Systeme und Methoden, die einheitliche MinebeaMitsumi-Kultur und Englisch als konzernweite Sprache. Aktuell sind wir in Košice kräftig dabei, die Entwicklungs- und Testlabore aufzubauen und haben bereits 20 Ingenieure vor Ort. Im nächsten Jahr soll ein weiteres Gebäude folgen und 2021 wollen wir auf jeden Fall eine Größenordnung um die 100 Entwickler erreichen.

Lassen Sie uns noch über Trends in der industriellen Antriebstechnik sprechen, denen sich Ihre Entwickler stellen müssen.

Hoffmann: Bislang fertigen wir hauptsächlich bürstenlose Gleichstrommotoren, in Zukunft wird es bei uns aber auch verstärkt um bürstenbehaftete Antriebe gehen. Was die Leistung angeht, bewegt sich das PM DM-Portfolio heute im Bereich von wenigen W bis 1kW. In diesem Spektrum geht der Trend unzweifelhaft zu ständig kompakteren Bauformen. Parallel soll die Elektronik und Sensorik immer tiefer integriert sein. In dieser Hinsicht ist auch Predictive Maintenance ein wahnsinnig wichtiges Thema. Hier betreiben wir großen Aufwand und verbauen unsere Sensoren möglichst direkt in der Antriebsmechanik, um alle möglichen Parameter auch wirklich vor Ort zu erfassen.

Popov: Dem stellen wir uns natürlich schon in der Entwicklung und gehen gezielt in Richtung System Engineering und Design. Auch in Berücksichtigung der aktuellen Tendenzen hin zu IoT und Cloud.

Hoffmann: Diese beschäftigen uns nämlich schon sehr stark: egal ob autonomes Fahren, Smart Home oder Industrie 4.0. Überall dort werden die Produkte intelligent und vernetzt - der Industriemotor genauso wie das Küchengerät - und zwar in nicht allzu ferner Zukunft.

Viele Anbieter in der Antriebstechnik und Automatisierung sind der Meinung, sich zukünftig nur noch an dieser Stelle unterscheiden zu können, weil die Hardware immer ähnlicher wenn nicht sogar austauschbar wird.

Hoffmann: Das sehe ich nicht so. Speziell die Sensorik muss nicht nur immer kleiner werden, sondern auch genauer. Und ohne physische Antriebe dreht sich in der Fabrik nun mal gar nichts. Man darf die Hardware also nicht vernachlässigen. Wichtig ist aber, dass man sich beiden Welten widmet. Denn gerade das Zusammenspiel von Hard- und Software sorgt für die immer höhere geforderte Funktionalität und Effizienz.

Popov: Womit wir wieder beim Systemansatz sind: Für MinebeaMitsumi als Lieferant wird die abgestimmte Kombination von Mechanik und Sensorik mit der Elektronik plus Software aus einer Hand deshalb zunehmend zum Erfolgsfaktor. (mby) n @Bildcredits:Bild: TeDo Verlag GmbH

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