Erschienen am: 08.02.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 1+2 2018

Podiumsdiskussion 'Industrie 4.0 - Qualifizieren, aber richtig' auf der SPS IPC Drives 2017

"Der Mensch wird weiterhin im Zentrum der Arbeit stehen"

In der Ausgabe 7/2017 haben wir bereits schon einmal über ein heiß diskutiertes Thema berichtet: Werden Maschinen in der Produktion schon bald die dort arbeitenden Menschen ersetzen? Die Podiumsdiskussion 'Industrie 4.0 - Qualifizieren, aber richtig' auf der SPS IPC Drives 2017, moderiert vom SPS-MAGAZIN, ausgerichtet vom VDMA, beschäftigte sich nun konkret mit den Herausforderungen, vor die der digitale Wandel die Arbeitswelt der Zukunft stellen wird. Denn es gilt jetzt mehr denn je, Ausbildungsinhalte möglichst praxisnah anzupassen sowie neue Fort- und Weiterbildungsangebote zu schaffen.


Unter den Diskussionsteilnehmern der Podiumsdiskussion 'Industrie 4.0 - Qualifizieren, aber richtig' befanden sich hochkarätige Experten, die das Diskussionsthema aus verschiedenen Richtungen beleuchteten. Dr. Jörg Friedrich leitet die VDMA-Abteilung Bildung und ist für die Mitgliedsfirmen des Verbandes der erste Ansprechpartner, wenn es um Aus- und Weiterbildung geht. Frank Gerdes arbeitet als Gewerkschaftssekretär im Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik beim Vorstand der IG Metall. Er ist dort verantwortlich für die Aus- und Weiterbildungsprofile der Metall- und Elektroberufe. Mathias Staiger ist seit 2014 als freigestellter Betriebsrat bei Trumpf Werkzeugmaschinen tätig. Dort ist er u.a. für den Ausschuss Qualifizierung und Bildung verantwortlich und kümmert sich als aktiver Begleiter um Veränderungsprojekte im Rahmen von Industrie 4.0 sowie um den Aufbau einer agilen Organisationsstruktur. Jochen Weisgerber ist in leitender Position verantwortlich für den Bereich Bildung bei Liebherr Elektronik. Des Weiteren ist er als Mitglied im Prüfungsausschuss tätig und berät als Referent in verschiedenen Bildungsforen, -ausschüssen und Expertengruppen.

Lassen Sie uns die Diskussion mit einer etwas provokanten Frage eröffnen: Müssen wir die Aspekte des digitalen Wandels überhaupt besprechen oder wird der Mensch im Zuge von Industrie 4.0 nicht sowieso nach und nach überflüssig?

Dr. Jörg Friedrich: Nein, der Mensch wird weiterhin im Zentrum der Arbeit stehen. Es gibt sehr unterschiedliche Prognosen zum Thema Arbeitsplätze und Digitalisierung. Die einen prognostizieren Arbeitsplatzverluste um die 50 Prozent. Andere sagen, die Zahl der Arbeitsplätze wird steigen, weil neue Geschäftsmodelle neue Jobs hervorbringen. Der wichtigere Faktor bei dieser Diskussion ist aber, ob wir in Deutschland auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähig bleiben. Wenn wir das nicht schaffen, dann sind ganz andere Zahlen an Arbeitsplätzen gefährdet.

Jochen Weisgerber: Wir merken eine deutliche Verschiebung, aber keine Reduzierung der Arbeitskräfte, eher im Gegenteil. Das Know-how der einzelnen Mitarbeiter wird sich verändern. Somit werden neue Felder eröffnet, wofür wir mehr Mitarbeiter denn je benötigen.

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Wie ändert sich das Aufgabenspektrum im Zuge von Arbeit 4.0? Wer ist von den Änderungen hauptsächlich betroffen und wer als Erster?

Dr. Friedrich: Generell wird eine neue Organisation gefragt sein. Von der Führung über alle Hierarchieebenen hinweg werden sich Rollen und das Verständnis von Führung, Arbeit und Zusammenarbeit ändern.

Mathias Staiger: Insbesondere in der Produktion ist es schon spürbar. Aber auch agile Organisationen in der Entwicklung verändern die Rollen und die Zusammenarbeit.

Wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen aus? Werden diese sich durch Arbeit 4.0 verschlechtern, z.B. durch längere Arbeitszeiten, die höhere Erreichbarkeit oder die Arbeitsverdichtung? Erleichtert die Digitalisierung die Arbeit oder erschwert sie sie?

Frank Gerdes: Gerade in Betrieben, die über einen hohen Grad an Digitalisierung verfügen, hat sich rasant etwas verändert, das schwierig zu beherrschen ist. Wenn Betriebe anfangen, im kaufmännischen Bereich automatische Bestellroutinen einzuführen oder das gesamte Fertigungssystem zu digitalisieren, können Beschäftigte auf alles auch von außen zugreifen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das den Leuten so einen Spaß macht, dass sie nicht mehr zu bremsen sind. Sie sind dann rund um die Uhr erreichbar. Dadurch wird der Aspekt der Ruhezeiten gar nicht mehr ernst genommen. Es kommen also langfristig Belastungen auf die Beschäftigten zu, die heute noch gar nicht abzusehen sind. Für die Vorgesetzten und den Betriebsrat wird es eine langfristige Aufgabe werden, da einen Schutz einzubauen.

Dr. Friedrich: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, wird von den Unternehmen eine sehr hohe Flexibilität verlangt. Daher brauchen wir auch unbedingt flexible Arbeitszeiten.

Ein wichtiges Thema im Zusammenhang mit Arbeit 4.0 ist die Frage nach Qualifizierung und Weiterbildung. Können Sie hier noch einmal auf die zu aktualisierende Ausbildungsverordnung für Metall- und Elektroberufe Bezug nehmen, Herr Gerdes? Und wie sieht die konkrete Umsetzung auf Firmenseite aus, Herr Weisgerber und Herr Staiger?

Gerdes: Ein wichtiger Themenaspekt der Teilnovellierung der Metall- und Elektroberufe war, das der Durchdringungsgrad der Digitalisierung erst bei einem Drittel der Betriebe stattgefunden hat. Deswegen mussten wir eine Mischung aus verpflichtenden Dingen, aber auch einheitliche Qualifikationen auf freiwilliger Basis erarbeiten. Wir können aktuell die Betriebe nicht zwingen, das komplette Themenfeld der Digitalisierung auszubilden. Sowohl abstraktere Fachlichkeiten, bei denen man von der Software her denkt, als auch die enge Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams mit speziellen Problemlösemethoden und sozialen Kompetenzen, die bisher noch nicht im Zentrum der Aus- und Weiterbildung standen, haben wir in die neuen Ausbildungsverordnungen aufgenommen. Diese treten am 1. August 2018 in Kraft.

Weisgerber: Konkrete Umsetzungen auf Firmenseite gibt es noch nicht. Hier sind wir noch in der Ausarbeitung der Ausbildungsrahmenpläne. Durch die Teilnovellierung haben wir mehr Spielraum erhalten und sind intern gerade dabei, die Ausbilder und die Ausbildungsleitungen zu coachen und zu schulen. Erst einmal muss das Bildungspersonal qualifiziert werden.

Staiger: Die Betriebe konnten auch ohne die Ausbildungsverordnung schon viel tun. Es gibt Freiräume in den Ausbildungsvorgaben, die man nutzen kann. In den Veränderungsprozessen geht es auch um eine andere Art von Zusammenarbeit. Hier darf nicht zu technisch gedacht werden. Die Soft-Faktoren sind auch sehr wichtig. Denn das Miteinander muss auch funktionieren. Welche Rolle spielt beim Thema Arbeit 4.0 der demografische Wandel?

Dr. Friedrich: Demografischer Wandel heißt, dass wir mit rückläufigen Schülerzahlen zu rechnen haben. Andererseits machen immer mehr junge Leute Abitur und studieren. Wenn man das mit den rückläufigen Schülerzahlen kombiniert, wird klar, dass es gerade die Facharbeiterausbildung ist, die unter dem demografischen Wandel zu leiden hat. Immer weniger junge Leute bewerben sich für die duale Ausbildung, was heute schon zu spüren ist. Das ist also ein Thema, das uns alle beschäftigt. In Bezug auf die Arbeitsmarktsituation kann die Automatisierung tatsächlich helfen, eventuelle Engpässe zu überwinden.

Staiger: Aus Firmensicht spüren wir einen Wandel, dass nicht nur Jung von Alt lernt, sondern jetzt auch Alt von Jung. Das müssen die Betriebe aber bewusst angehen. Ältere Mitarbeiter müssen das Lernen selbst wieder neu erlernen. Junge Menschen sind häufig flexibler in ihren Ansprüchen, aber auch was die verschiedenen Aufgaben betrifft. In der Ausbildung verzeichnen wir derzeit allerdings eher eine Zunahme, vor allem auch im Bereich duales Hochschulstudium.

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Über welche Zeiträume sprechen wir für die Veränderungen Arbeit 4.0 betreffend?

Weisgerber: Der Veränderungsprozess hat bereits begonnen, aber es ist noch kein Ende in Sicht. Wir sind auf einem guten Weg, stehen allerdings erst am Anfang und es kommen noch sehr viele Aufgaben auf uns zu.

Staiger: Dort wo entsprechende Projekte bereits umgesetzt worden sind, sprechen wir über einen Zeitraum von ein bis drei Jahren, in dem die Veränderung wirklich spürbar ist und die Anforderungen sich verändert haben. Dafür sind aber Qualifikationsmaßnahmen im Rahmen einer Weiterbildung unbedingt erforderlich.

Hiermit bedanken wir uns herzlich für Ihre Teilnahme an der Podiumsdiskussion. (fiz)

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