Herausforderungen und Lösungen für die Zukunft

Smart Devices als Fenster in Ihre Produktion

Über Smart Devices in der Produktion diskutierten auf der diesjährigen Hannover Messe im Rahmen des Forums Industrial IT fünf Experten Chancen und Risiken, die mobile Endgeräte für die Fabrik der Zukunft bringen werden. In der Diskussion ging Martin Buchwitz - Chefredakteur des SPS-MAGAZINs und Moderator der Runde - auch der Frage nach, wie bereit die Unternehmen heute schon für den Einsatz der Geräte sind, insbesondere unter Berücksichtigung der Sicherheitsanforderungen. Der Bericht fasst die Diskussion kurz zusammen.


Anpassungen bei der Software

Bild 1: Moderator Martin Buchwitz im Gespräch mit den Teilnehmern der Diskussionsrunde anlässlich des 'Forum Industrial IT'
Bild: TeDo Verlag gmbH

"Mit den Betriebssystemen, die da sind, können wir theoretisch sehr gut leben. Das Problem ist nur, dass sie nicht lange genug da sind. Wir geben als Maschinen- und Anlagenbauer eine Funktionsgarantie. Jeder, der ein Smartphone oder Tablet besitzt, stellt fest, dass manche Apps für ein oder zwei Tage nicht mehr gehen, nur weil das Betriebssystem von Version 4.3.2 auf Version 4.3.3 etc. upgedatet wurde. Bis der nächste Fix kommt. Aber was macht man in der Zwischenzeit?", so die Sicht von Joern Kowalewski von der macio GmbH zu der Frage, inwieweit Anpassungen im Bereich der Software erforderlich sind. Und er stellt an dieser Stelle den Bezug zu Industrie 4.0 her: "Bewegen wir uns in der Einzelstückfertigung, dann ist nicht jede Schraube wie die andere. Das heißt, Sie werden sich mit einem Werkzeug die einzelnen Dinge in Ihrer Produktion ansehen müssen. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass man das ohne den Einsatz von Smart Devices in den Griff bekommt." Er jedenfalls ist überzeugt davon, dass die erforderlichen Anpassungen gelingen werden. Klaus Bauer von Trumpf fügt ergänzend hinzu: "Wenn sich Randbedingungen wie z.B. die verfügbaren Geräte schneller ändern, als wir dies im heutigen Engineering-Prozess beherrschen können, dann brauchen wir neue Prozesse. Der bisherige Weg für die Anforderungen, 'native Apps' zu programmieren, führt vielleicht in eine Sackgasse. Vielleicht benötigen wir, wie in der klassischen IT-Server-Welt, zukünftig auch virtuelle Umgebungen für die Smart Devices, um die Betriebssystem- und Hardwareabhängigkeitsprobleme zu lösen.

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Bring Your Own Device

Alle Beteiligten an der Diskussionsrunde waren sich einig, dass das Phänomen 'Bring Your Own Device (BYOD)' in den Griff zu bekommen ist. "Was soll uns abhalten, das nicht zu leben?", fragt Klaus Bauer ganz lapidar. Und weiter: "Es geht ja immer um Daten. Die Frage ist: wo liegen die Daten und wer hat wann Zugriff auf diese Daten? Durch geeignete kryptographische Verfahren kann dafür gesorgt werden, dass der Zugriff auf diese sensiblen Daten nur in definierten Situationen möglich ist. Besser noch, wir speichern überhaupt keine Daten dauerhaft auf den mobilen Geräten und nutzen diese nur zur kurzzeitigen Visualisierung und Verarbeitung." Außerdem sieht er unterschiedliche Applikationen. Anwendungsbereiche, in denen BYOD kein Problem darstellt und andere, wo es schlicht nicht möglich sein wird. Joern Kowalewski sieht das sehr ähnlich: "Es ist, wie vorhin schon angesprochen, eine Frage der Software. Wenn ich von Anfang an die Schnittstellen so gestalte, dass ich über das mitgebrachte Device in mein System keine Daten einspielen kann, dann habe ich eine große Quelle von Unsicherheit schon mal ausgeschlossen. Nicht umsonst sind die meisten Applikationen, die wir heute im industriellen Umfeld sehen, lesende Applikationen." Norbert Sasse von Bosch Rexroth und Prof. Oetter vom VDMA sehen es auch so, dass es vom Anwendungsfall abhängen wird, ob BYOD gelebt werden kann oder nicht. Prof. Oetter: "Ich denke, es wird die gesamte Bandbreite an Lösungen geben. Man kann sich als Unternehmen leider auch nicht zurücklehnen und sich darauf verlassen, dass andere eine Lösung finden, denn die Anwendungsszenarien unterscheiden sich sehr stark. Daher sind auch die Lösungswege extrem individuell und man muss viele Faktoren beachten: Was habe ich für Mitarbeiter? Was sind das für Prozesse? Wie sieht die Security aus? Habe ich eventuell Daten ständig auf meinem Pad?! Man muss sich mit diesem Thema einfach befassen." Andreas Beu von Smart HMI kann die ganze Sache auch deswegen entspannt sehen, weil es in der Vergangenheit immer gelungen ist, Lösungen industrietauglich zu machen.

Smart Devices und Security

Sobald es um vernetzte Geräte geht, auf denen IT-kompatible Kommunikation läuft, kommt die Zugriffssicherheit ins Spiel. Klaus Bauer sieht das so: "Man muss sich an dieser Stelle noch einmal mit der Systemarchitektur beschäftigen. Mit jedem mobilen Gerät auf jeden Sensor einer Anwendung zuzugreifen, ist sicherlich keine sinnvolle Lösung. Man benötigt durchdachte Schutzkonzepte. Software-Module kapseln die Daten, Geräte müssen sich eindeutig und sicher identifizieren, Informationen werden verschlüsselt usw." Probleme sieht er auch darin, einfach nur die Lösungen der Office- oder Consumer-IT zu übernehmen, da sich dort wieder neue Probleme ergeben, so z.B. wenn es um eine Verschlüsselung im Zusammenhang mit Apps geht, die über einen App-Store zur Verfügung gestellt werden müssen. Seine Einladung lautet: "Es gibt zur Zeit richtig viel zu tun. Wer mehr darüber wissen möchte: Es gibt in der Plattform Industrie 4.0 Arbeitskreise, die sich ausschließlich mit dem Thema Sicherheit beschäftigen. Alle sind herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen." Prof. Oetter verweist an dieser Stelle darauf, dass der VDMA auch einen Arbeitskreis hat, der sich mit dem Thema IT-Sicherheit in der Industrie beschäftigt und merkt an: "Wir dürfen jetzt nicht so tun, als hätten wir noch nie mit mobilen Geräten gearbeitet. Laptops sind auch relativ mobil und ebenfalls häufig in einer Funkverbindung. Daher gibt es doch einiges, was bereits an Know-how und Wissen zur Verfügung steht, man fängt also nicht bei Null an." Für Norbert Sasse von Bosch Rexroth ist das alles ebenfalls kein neues Thema: "Meine persönliche Meinung ist, dass Smart Devices nicht wirklich neue Aspekte in das Thema Industrial Security hineinbringen. Das Thema Datenvernetzung ist hingegen ein großes Thema. Deswegen muss sich der Anlagenbetreiber mit der Daten- und Informationssicherheit seiner Anlage auch im Hinblick auf die Nutzung mobiler Endgeräte auseinandersetzen. In dem hoffentlich vorhandenen Security-Konzept der Anlage sind die Besonderheiten von Smart Devices zu berücksichtigen."

Empfehlungen der Redaktion

VDMA Arbeitskreis 'Mobile Tablets, Apps & Co.'

Der Arbeitskreis 'Mobile Tablets, Apps & Co.' ist dabei einen Leitfaden zum Thema zu erstellen, der Mitte 2014 erscheinen soll. Prof. Oetter beschreibt die Zusammensetzung des Arbeitskreises so: "Im Arbeitskreis vertreten sind beispielsweise die Standard-Maschinenbauer, die Automatisierer, aber auch viele Vertreter aus der IT-Primärindustrie. Ebenfalls vertreten sind ERP-Häuser sowie MES-Hersteller. Diese Gruppen können sich wunderbar miteinander austauschen und diskutieren, weil überall die gleiche Basisproblematik auftaucht. Zum Beispiel ist die Grundproblematik beim Thema Security überall gleich. Der Lerneffekt ist in der gesamten, doch sehr gemischten Gruppe extrem groß."

Die Perspektiven

Bei der Abschlussfrage der Diskussionsrunde ging es um die mittelfristige Perspektive für die Nutzung der Smart Devices in der industriellen Fertigung - in einem Zeitraum von fünf Jahren. Andreas Beu dazu: "In fünf Jahren werden wir so eine Diskussionsrunde nicht mehr führen. Die würde andere Themen haben. Was ich auch glaube, ist, dass sich in fünf Jahren auch eine Zulieferer-Industrie für die Industrie entwickelt hat, mit Dienstleistern, Firmen die sich dieser Consumer-Produkte annehmen und diese dann industrietauglich adaptieren. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass sich da einiges bewegt." Norbert Sasse zeigt sich überzeugt, dass in fünf Jahren viel mehr über Anwendungen diskutiert wird: "Die Smart Devices sind im Grunde ein handhabbarer und anfassbarer Brückenschlag zwischen der heutigen SPS-Automatisierung und der IT, sprich hochsprachenbasierten Automation. Ich glaube, da werden in den nächsten Jahren noch sehr viele Schranken fallen." Für Klaus Bauer werden Smart Devices in fünf Jahren ganz selbstverständlicher Bestandteil der Produktion sein: "Wir werden zukünftig nicht mehr über das Smart Device an sich reden, sondern über die Anwendungsfelder, die Applikation und darüber, wie man mit den Daten einen Nutzen generiert. Die Geräte selbst werden dann einfach selbstverständlich sein." Joern Kowalewski stellt sich die Fabrik in fünf Jahren so vor: "Ich stelle mir eine sehr haptisch-erfahrbare Fabrik vor, wo ich den 'Leitstandsgedanken' weitgehend verloren habe, weil ich durch die Räume laufe und auf den Maschinen überall irgendwelche Tags oder Fingerprint-Sensoren montiert sind. Ich habe meine Google-Glass-Brille dabei und an dem Ort, an dem ich grade etwas machen will, werde ich nur mit dem konfrontiert werden, was ich gerade benötige." (mbw)

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