Interview mit Blake D. Moret, CEO Rockwell Automation

„Über den Tellerrand der Automatisierung hinaus blicken“

Seit rund einem halben Jahr ist Blake D. Moret CEO von Rockwell Automation. Im Interview mit dem SPS-MAGAZIN schildert er seine Sicht auf die Zukunft der Automatisierung. Er erklärt, wie sich das Unternehmen dafür strategisch aufstellt, und spricht über seine Mission als neuer Chef des US-amerikanischen Automatisierungsmarktführers.

In Deutschland ist momentan die Diskussion in vollem Gange darum, wie weit man bereits auf dem Weg zur Fabrik der Zukunft ist. Wie schätzen Sie die Entwicklung aus amerikanischer Sicht ein? Kommt der große Teil von Industrie 4.0 noch oder ist das heute bereits State of the Art?

Blake D. Moret: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Denn der ausschlaggebende Punkt bei den Ideen und Konzepten von Industrie 4.0 – oder wie wir sagen, des Connected Enterprise – ist: Der Weg dahin ist für jeden Anwender ein anderer. Das ist vor allem abseits von Greenfield-Projekten so. Also dann, wenn es um die Steigerung der Produktivität, den Ausbau von Produktionslinien oder die Einführung neuer Technik und Maschinen in bereits bestehenden Anlagen geht. Dieser Bereich macht ja den Großteil der Industrie-4.0-Vorhaben in den klassischen Industrienationen aus.

Es gibt also kein allgemeingültiges Erfolgsrezept?

Moret: Nein. Wenn es darum geht, die Produktion gemäß Industrie 4.0 fit für moderne Fertigungsprozesse und neue Technologien zu machen, muss jeder Fabrikbetreiber den Weg an seiner ganz individuellen Stelle aufnehmen. Bei aller Diversität bietet unser Angebot für das Connected Enterprise dem Anwender hier jedoch stets einen praktikablen Ansatz, um auf dieser Reise von bereits vorhandener Expertise und technisch erprobten Lösungen zu profitieren. Auf diese Weise lässt sich der technologische Wandel und eine damit einhergehende Steigerung der Produktivität Schritt für Schritt angehen und umsetzen. Industrie 4.0 ist schlussendlich ja ein kontinuierlicher Prozess und kein plötzlicher allumfassender Paradigmenwechsel.

Wie sieht die genannte Diversität in der Praxis aus?

Moret: Für den einen Anwender beginnt der Entwicklungsprozess damit, intelligente Devices in seine Produktion zu integrieren, die ihm Informationen über Produktivität, Energieverbrauch, Drehzahl o.Ä. liefern. Dann ist der Weg natürlich ein ganz anderer als bei Anwendern, die bereits klassische Antriebs- und Automatisierungstechnik einsetzen, aber z.B. im MES-Bereich von einer selbst entwickelten Software auf eine Standardlösung mit höherer Funktionalität wechseln wollen. Es gibt also komplett unterschiedliche Startpunkte für die Reise zu Industrie 4.0 und auch der weitere Weg ist je nach Branche, Anwendungsbereich oder Unternehmensgröße vollkommen verschieden. So hat ein Automobilzulieferer ganz andere Bedürfnisse und Anforderungen als ein Kunde aus dem Energiebereich. Dennoch bietet unser Connected-Enterprise-Konzept immer einen passenden Ansatz.

Allen individuellen Wegen geht aber doch ein entsprechendes Bewusstsein für Sinn und Nutzen von Industrie 4.0 voraus, oder?

Moret: Natürlich. Der Wille zu entsprechenden Veränderungen ist genauso Voraussetzung, wie ein realistischer Blick auf die bestehenden Prozesse und durchdachten Entwürfe für mögliche Verbesserungen. Es führt kein Weg daran vorbei, sich mit den Details der Prozesse und der Wertschöpfungskette sowie verfügbaren Lösungsmöglichkeiten intensiv auseinanderzusetzen. Nur so lässt sich herausfinden, wie der bestmögliche Weg zu mehr Ausstoß, reduzierten Kosten oder kürzeren Zyklen aussieht. Dieser lässt sich dann mit unserem Angebot an Tools und Technik auf den spezifischen Fall übertragen.

Wie ist es denn aus regionaler Perspektive? Unterscheiden sich die Adaptionsgeschwindigkeiten in den jeweiligen Regionen der Welt?

Moret: Ja, es gibt schon Unterschiede. In China beispielsweise ist man in gewissen Industriezweigen sehr schnell dabei, die Produktivität durch den Einsatz neuer Tools und moderner Technik zu verbessern – vor allem im Segment Life Science und weiteren Consumer-Bereichen oder im Automobilbau. Hier ist das Level der Adaption von Industrie 4.0 sehr hoch. Nun konnten die chinesischen Anbieter aber auch lange beobachten, wie der Westen entsprechende Konzepte und Lösungen zur Produktivitätssteigerung entwickelt und implementiert hat. Sie setzen heute quasi von der Stange ein, was sich in Europa und den USA über Jahrzehnte entwickelt hat.

Wie sieht es abseits von China und Asien aus? Gibt es auch ein unterschiedliches Mindset zwischen Amerika und Europa?

Moret: Nun, in Amerika kommen die Ideen des Connected Enterprise bei den Verantwortlichen in den Fertigungsunternehmen gut an. Der ein oder andere ist aber noch etwas unsicher, weil er befürchtet, dass er große Veränderungen auf einen Schlag umsetzen muss. Hier müssen wir weiterhin betonen, dass man diese Reise in kleinen Schritten gehen kann. Was Europa angeht: In den zentraleuropäischen Ländern wie Deutschland laufen viele Fertigungen schon hochautomatisiert und einige Firmen nutzen auch schon verschiedene Prinzipien von Industrie 4.0. Welche und wie intensiv, das ist wiederum von Industriesegment zu Industriesegment, aber auch regional verschieden. Den USA und Europa gemein ist: Die allermeisten Industriebetriebe und deren Fertigungsumgebungen sind über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gewachsen. Das macht es deutlich anspruchsvoller, diese Umgebungen technologisch auf ein neues Level zu heben. Hier können wir mit unserer Erfahrung und Lösungskompetenz wertvolle Hilfestellung geben.

Ist Ihr Konzept des Connected Enterprise entsprechend skalierbar, sodass Sie die verschiedenen Ansprüche der jeweiligen Industriesegmente und Regionen passend bedienen können?

Moret: Die Marktdurchdringung von Rockwell Automation ist natürlich im US-amerikanischen Markt am größten. Dennoch adressieren wir mit unseren Anstrengungen und Investitionen – das Connected-Enterprise-Angebot und die sich dadurch einstellenden Mehrwerte betreffend – unsere Kunden auf der ganzen Welt. In Europa zeigt sich das beispielsweise stark im Bereich Life Science – wo wir sehr erfolgreich sind und den Anwender mit umfassender Branchenkompetenz unterstützen.

Wie sieht es mit China aus?

Moret: Auch in China investieren wir viel in unsere Connected-Enterprise-Strategie, obwohl das Geschäft dort natürlich nicht so einfach ist, wie in unseren Stammmärkten. Meinem Verständnis nach muss man aber genug Ausdauer und Disziplin haben und sich in beiden Bereichen engagieren. Schließlich sind unsere heutigen Bemühungen in Märkten wie China oder Indien eine wichtige Investition für die Zukunft.

Wie verändert sich die strategische Positionierung von Rockwell Automation dadurch, dass sich in der Automatisierung viel Funktionalität von der Hardware in Richtung Software verschiebt und mit den großen IT-Konzernen auf einmal ganz neue Player den Markt betreten?

Moret: In Bezug auf die klassische Automatisierung ist Rockwell Automation auf dem amerikanischen Markt eindeutig Marktführer und auch global gesehen einer der absoluten Top-Player. Die angesprochene Entwicklung betrachtend, darf man sich auf dieser Position aber keinesfalls ausruhen. Es ist so viel Bewegung und Veränderung im Markt, dass sowohl unsere Marktbegleiter als auch die neu auftretenden IT-Unternehmen ständig nach einer Möglichkeit für neue Marktanteile suchen. Gerade Letztere haben ja eine außergewöhnliche Ressource.

Was also tun?

Moret: Wir müssen unsere Erfahrung und Expertise nutzen: Zum einen, um neue Technologien aus dem IT-Umfeld zu adaptieren und in unsere Lösungen zu integrieren. Zum anderen aber auch, um es einfacher zu machen, Automatisierungstechnik einzusetzen und Informationen aus der Produktion zu nutzen. Diese Simplifizierung, die der Markt fordert, ist eine gewaltige Herausforderung, der sich jeder stellen muss, der zukünftig als Automatisierungsanbieter erfolgreich sein will.

Bei diesem Prozess bietet ja aber gerade die Software ein großes Potenzial.

Moret: Richtig. Die Software wird zwar an sich immer komplexer, ist gleichzeitig aber auch der große Schlüssel für die Automatisierung der Zukunft. Die Hardware verändert sich heute nicht mehr sonderlich stark. Natürlich wird jede Steuerungs- und Antriebsgeneration ein Stückchen leistungsstärker und zuverlässiger – aber dramatische Steigerungen der Produktivität erreicht man heute nur noch per Software – gerade weil sie die Anwendung und Integration der Automatisierung so einfach machen kann. Entsprechend kommt das Differenzierungspotenzial bei Automatisierungslösungen mehr und mehr von der Software-Seite. Also müssen wir hier sehr gut aufgestellt sein.

Wie wichtig sind starke Partner im Software-Bereich?

Moret: Sehr wichtig, denn wir können nicht alle Software-Tools, die ein Unternehmen heute einsetzt, selbst entwickeln und vorhalten – so gibt es z.B. kein eigenes PLM-System von Rockwell Automation. Aber wir bieten natürlich passende Schnittstellen zu den etablierten Lösungen auf dem Markt und geben dem Anwender damit die Freiheit, auch weiterhin seine bevorzugten Engineering-, Simulations- oder Dokumentationssysteme einzusetzen.

Welche strategische Rolle spielt der europäische Markt zukünftig für das Unternehmen Rockwell Automation und sein Connected-Enterprise-Angebot?

Moret: Als weltweit größter Markt für Automatisierungstechnik ist und bleibt Europa für uns sehr wichtig. Entsprechend sind wir sehr stolz, dass wir dort wettbewerbsfähig aufgestellt sind und kürzlich in einigen Segmenten Marktanteile hinzugewinnen konnten. Unsere Position ist natürlich nicht mit der vergleichbar, die wir im amerikanischen Markt haben, aber ich sehe das Unternehmen auf einem positiven Weg. Diesen wollen wir fortsetzen und investieren in vielerlei Hinsicht in Europa: z.B. in wettbewerbs- und passfähige Produkte und lokal ansässige Applikationsexperten, aber auch in eigene Fertigungseinrichtungen. Schließlich lässt sich aus der globalen Perspektive feststellen, dass viele erfolgreiche Ansätze, Trends und Innovationen in Europa initiiert werden. Diesen Entwicklungen wollen wir uns trotz unserer US-amerikanischen Wurzeln nicht verschließen. Ganz im Gegenteil: Rockwell Automation soll sich überall auf der Welt mit den dortigen Marktführern messen können.

Ist das Ihre große Mission als neuer CEO des Unternehmens?

Moret: Ja. Dafür müssen wir in der heutigen Zeit auch über den Tellerrand der Automatisierung hinausblicken – auf Verschiebungen im Markt, auf neue Technologien und auf alternative Geschäftsmodelle. Hier gibt es vieles, das die Automatisierung von anderen Bereichen und Märkten lernen kann. Mein Ziel ist es, eine entsprechende Kultur im Unternehmen zu etablieren – wenn man auf Seite der Innovation ganz vorne mitspielen will, darf man sich keiner Entwicklung pauschal verschließen, nur weil sie noch keinen Einzug in die Automatisierung oder unsere Industriebereiche gefunden hat.

Welche weiteren Vorhaben und Schwerpunkte umfasst Ihre Mission als Unternehmenschef? Was wird sich ändern, was behalten Sie bei?

Moret: Was sich unter meiner Führung in der Unternehmenskultur von Rockwell Automation sicherlich nicht verändern wird, ist der hohe Stellenwert von Integrität und Ethik. Auch unsere Wachstumsstrategie und der Vorsatz, dem Kunden durch das Connected Enterprise immer größeren Mehrwert zu bieten, bleiben unverändert bestehen. Einen starken Fokus werde ich darauf legen, die Kunden, ihre jeweiligen Anforderungen und die individuellen Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung besser zu verstehen – und die dafür notwendige Kombination aus Innovation, Technologie und Branchen-Know-how bereitzustellen. Schlussendlich wird das Thema der Vereinfachung von Automatisierungstechnik und Fertigungsprozessen eine besondere Bedeutung bei Rockwell Automation erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Rockwell Automation GmbH
http://www.rockwellautomation.de

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