Expertenmeinung Teil 2

Wie Distributoren die Industrie nachhaltiger gestalten

Nachhaltigkeit in der Industrie gewinnt zunehmend an Bedeutung, da Unternehmen ihre Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft erkennen. Distributoren spielen hierbei eine wichtige Rolle, indem sie nachhaltige Lieferketten fördern, Energieeffizienz vorantreiben und den Einsatz umweltfreundlicher Materialien unterstützen. Wie sie durch ihre strategische Position dazu beitragen können, dass nachhaltige Lösungen in der Industrie effektiv implementiert werden, das haben wir bei sechs Distributoren nachgefragt.

Wie unterstützen Sie Unternehmen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsinitiativen in Bezug auf Energieeffizienz, Ressourcenschonung oder Umweltverträglichkeit?

Ralf Bühler, Conrad Electronic: Für den Versand unserer Waren nutzen wir zu 100 Prozent CO2-neutrale Kartons und setzen auf umweltfreundliche Verpackungsmaterialien wie Recycling-Knüllpapier. Insbesondere seit dem Start unseres Private Label-Projektes ‚Plastic free‘ im Jahr 2019 lautet unsere Ambition: Ausschließlich plastikfreie und umweltgerechte Verpackungen im Markt – bei zeitgleich gewährleistetem Schutz der Ware auf allen Transportwegen. Eine Herausforderung, die verlangt, Verpackungen ganz neu zu denken und uns immer wieder zu Innovationen antreibt. So konnten wir bei unseren Private Labels bereits starke Fortschritte erzielen: Von 2019 auf 2020 erreichten wir eine Plastikreduktion von 40 Prozent – und eine weitere Plastikreduktion von 33 Prozent von 2020 auf 2021. Um unsere Transparenz hinsichtlich dieser Thematik zu demonstrieren, entwickelten wir ein eigenes Label, mit dem Kunden unsere plastikfreien Verpackungen eindeutig erkennen können. Auch außerhalb des Conrad Private Label Bereichs setzen wir in Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten auf die kontinuierliche Reduktion von Plastikabfällen im Handel und unterstützen den Einsatz von umweltgerechten Verpackungen. Den Großteil der Emissionen des Versandaufkommens kompensieren wir mit unseren Transportdienstleistern. Unser Ziel ist es, 95 Prozent des Versandaufkommens bis Ende 2023 zu kompensieren.

Transparenz ist beim Thema Nachhaltigkeit elementar. Daher weisen wir besonders umweltfreundliche Produkte mit unserem Eco-Hinweis aus. Diese verfügen über Umweltvorteile gegenüber anderen Produkten ihrer Materialklasse und sind mit mindestens einem der folgenden Zertifizierungen oder Hinweise versehen: Blauer Engel, EU Ecolabel oder TCO Certified. Unser Ziel ist es hier, den Anteil an umweltschonenden Produkten in unserem Sortiment kontinuierlich zu erhöhen.

Zudem bedienen wir die Nachfrage nach Produkten, die Energie sparen, verteilen und erzeugen. Dazu gehören u.a. smarte Steckdosen, LED-Beleuchtung, Stromverbrauchs-Messtechnik, Lösungen im Bereich alternative Energien, mobile Energiespeicherung und E-Mobility oder auch Komponenten für die Energieverteilung. Unsere Produkte sind damit ein zentraler Hebel für unsere Kunden, Einsparpotenziale in ihrer Gebäudetechnik zu erkennen und voll auszuschöpfen. Darüber hinaus verkaufen wir aber nicht einfach nur Produkte, sondern verstehen uns als Lösungsanbieter und Ideengeber: Wir bieten auf conrad.de in unseren Ratgebern und Themenwelten Anwendungsbeispiele und konkrete Hilfestellung, damit unsere Kunden ihr Energiemanagement erfolgreich realisieren können.

Eric Halvorson, DigiKey: Nachhaltigkeit ist für alle Branchen von entscheidender Bedeutung, sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus ökologischer Sicht. Bei DigiKey ist dieses Thema in jedem Aspekt unseres Geschäfts verankert. Wir sind bestrebt, ein gutes Unternehmensvorbild bei der Nutzung von Ressourcen in unseren lokalen Gemeinschaften und auf der ganzen Welt zu sein, mit der Absicht, ein positives Vermächtnis zu schaffen, auf das wir alle stolz sein können, und unsere Kunden bei ihren Bemühungen um Nachhaltigkeit zu unterstützen.

Kontinuierliche Verbesserung und Optimierung ist dabei unser Ansatz. Wir suchen konsequent und proaktiv nach Möglichkeiten, in unserem gesamten Unternehmen Lösungen zu implementieren, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren, die Effizienz zu steigern und ehrenamtliche Tätigkeiten zu fördern. Dazu gehört auch das ständige Lernen durch den Vergleich mit anderen in der Branche, mit unseren Partnern und Kunden und durch gewonnene Erfahrungen. Wir sind bereits stolz darauf, dass unser Umweltmanagementsystem nach der Norm ISO14001 zertifiziert ist.

Unser neues Produktvertriebszentrum in Thief River Falls, Minnesota, USA, ist ein gutes Beispiel für diese kontinuierliche Verbesserung. Während des gesamten Entwurfsprozesses haben wir effiziente und nachhaltige Verfahren ermittelt, um sicherzustellen, dass die Anlage mit bewährten Verfahren den höchstmöglichen Gesundheits- und Umweltansprüchen genügt. Einige mögen recht einfach erscheinen, wie der Bau des Daches mit einer weißen Membran zur Wärmereflexion, während andere um einiges komplexer sind, etwa die Untersuchung von Möglichkeiten zur Installation erneuerbarer Energiequellen.

Ein weiterer Punkt: Weitaus umweltbewusster zeigen sich die Hersteller, als sie es noch vor zehn Jahren waren. Hinzu kommt, dass die Kaufgewohnheiten von Verbrauchern und höheren Energie- und Ressourcenkosten die Hersteller dazu veranlassen, umweltfreundlichere Verfahren einzusetzen. Mehr als ein Drittel des weltweiten Energieverbrauchs entfällt heute auf die Produktion, was eine enorme Chance darstellt, die Art und Weise der Herstellung von Waren zu überdenken. Durch Automatisierung können die Produktion effizienter gestaltet, die Qualität gesteigert, Abfall reduziert und neue Potenziale erschlossen werden.

Mit vorbeugender Wartung, Maschine-Maschine-Kommunikation und dem Einsatz von Mikronetzen kann die Automatisierung Lösungen für zukunftssichere Prozesse bieten. DigiKey bietet Lösungen wie Energieüberwachung, intelligente Antriebe, IO-Link-Sensoren und vieles mehr, um Unternehmen bei der Einführung nachhaltiger Produktionsverfahren zu unterstützen.

Adam Jeffery, Distrelec: Wir möchten unsere Kunden bei ihren Nachhaltigkeitszielen unterstützen, weshalb wir in unserem Sortiment viele ‚grüne‘ Produkte, wie DC/DC-Stromversorgungen und USV-Systeme mit geringem Stromverbrauch, führen. Zudem stellen wir auf unseren Produktseiten so viele Informationen wie möglich zum Thema Nachhaltigkeit bereit. Des Weiteren haben wir im Rahmen unserer Marketingkampagne zur Energiewende einige informative Beiträge rund um das Thema auf unserer Wissensplattform ‚KnowHow‘ veröffentlicht. Das ist ein Thema, das wir noch weiter ausbauen werden. Es freut mich auch, dass wir mit unserem Sortiment an neuester Elektronik an der Spitze der Nachhaltigkeitsinnovation stehen. Auch für unsere Kunden ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema, weshalb die Nachfrage nach Produkten für die Solar- und Wasserenergie bis hin zur Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge steigt. Mit unserer starken Präsenz in den nordischen Ländern, die weltweit führend in Sachen Nachhaltigkeit sind, können wir weltweit dafür einen wichtigen Beitrag leisten.

Ankur Tomar, Farnell: Als Distributor bieten wir Unternehmen eine wertvolle Unterstützung bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsinitiativen im Zusammenhang mit Energieeffizienz und ökologischer Nachhaltigkeit. Unser umfangreicher Bestand umfasst eine breite Palette energieeffizienter Produkte wie Motoren, Antriebe und Beleuchtungslösungen von Anbietern, welche für ihr Engagement für Energieeffizienz und ökologische Nachhaltigkeit bekannt sind.

Zudem unterstützen wir Unternehmen bei der Aufrüstung ihrer bestehenden Automatisierungssysteme und -anlagen auf energieeffizientere Alternativen. Durch die Integration moderner Automatisierungstechnologien und Steuerungsalgorithmen können sie die Energieeffizienz und ihre nachhaltigen Praktiken verbessern. Unser technisches Support-Team empfiehlt Produkte und Technologien, die den Energieverbrauch optimieren und die Auswirkungen auf die Umwelt reduzieren.

Bei den Vorschriften und Standards der Branche in Bezug auf Energieeffizienz und ökologische Nachhaltigkeit halten wir uns stets auf dem neuesten Stand. Dasselbe Ziel verfolgen wir für unsere Kunden und bieten die Produkte und Dienstleistungen unter Einhaltung dieser Vorschriften an, um sicherzustellen, dass auch sie die notwendigen Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Damit können sie Strafen vermeiden und zu einer nachhaltigeren Zukunft beitragen.

Christian Reinwald, Reichelt Elektronik: Ein Leitthema dieser Tage betrifft die Energieeffizienz. Viele Unternehmen arbeiten bereits an Konzepten, um die Umweltauswirkungen zu reduzieren, Energiekosten zu senken und die Automatisierungstechnik möglichst umweltfreundlich zu gestalten. Auch wir haben Energiesparen und Nachhaltigkeit zu unseren Top-Themen gemacht und unser Sortiment in den letzten zwölf Monaten breit ausgebaut. Heute decken wir nahezu alle Leistungsklassen und Preispunkte sehr gut ab. Zudem haben wir begonnen, den Anteil besonders nachhaltiger Produkte proaktiv in unserem Sortiment zu erhöhen und stehen hierzu in engem Kontakt mit Herstellern, wie Schneider Electric oder Wago.

Gleichzeitig steigt der Druck, der auf die Unternehmen ausgeübt wird. Denn von allen Seiten prasselt es ehrgeizige Ziele, gleichzeitig steigen die Betriebskosten durch Investitionen in neue Technologien.

Andererseits sehen wir, dass Unternehmen, die bereits investiert haben, schnell positive Effekte erzielen. Deshalb unterstützen wir sie auf dem Weg dahin mit einer effizienten Logistiklösung, die es möglich macht, schwere Batteriespeicher, große LED-Panels, Hochleistungswechselrichter und modernste Energiemanagement-Systeme zu fairen Preisen zu liefern. Das gibt Unternehmen mehr Handlungsspielraum bei Investitionen und eine Perspektive für gewinnbringende und zugleich nachhaltige Produktion.

Dietlind Vinson, RS Components: Echte Nachhaltigkeit ist Kern der Unternehmensstrategie von RS. Im November 2021 rief RS seinen Environmental Social Governance (ESG)-Aktionsplan 2030 ‚For a Better World‘ ins Leben. Ziel ist es, mit seiner Hilfe eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung einiger der größten Herausforderungen der Welt zu spielen. Die Bekämpfung des Klimawandels nimmt hier eine zentrale Position ein. Durch die nachweisbare Umsetzung konkreter Einsparungsziele hilft RS wiederum auch den Kunden, eigene Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, da immer die gesamte Wertschöpfungskette zu betrachten ist.

Zum einen steht die Reduzierung der direkten CO2-Emissionen auf der Agenda. RS zielt darauf ab, in den direkt zur Gruppe gehörenden Betrieben bis 2030 und über die Wertschöpfungskette hinweg bis 2050 bei netto Null zu sein. Mit einer 50 Prozentigen Reduzierung von Scope 1 und 2 CO2-Emissionen sind wir seit 2019/20 sehr gut vorangekommen.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Reduzierung der Verpackungsintensität, sprich Tonnen/£ Mio. Umsatz, die wir bis 2030 um 30 Prozent reduzieren wollen. Eine wichtige Rolle spielen automatisierte Verpackungsmaschinen zur Herstellung maßgeschneiderter Kartons, die Umstellung auf recycelbare gepolsterte Jiffy-Umschläge und der Ersatz von Holzverpackungspaletten durch wiederverwendbare, umweltfreundliche Mehrwegbehälter für den Warenverkehr zwischen unseren europäischen Standorten.

Auch bei den Verpackungsgrößen sorgen wir für mehr Nachhaltigkeit. Einen großen Teil des Investitionsvolumens im Zuge des Ausbaus am Standort Bad Hersfeld floss in moderne Automatisierungslösungen. Das System wählt beispielsweise automatisch eine Verpackung aus, die genau zur Größe der Produkte in der Bestellung passt. Die Erweiterung des Standortes auf rund 37.000m2 ermöglicht es auch, Lagerbestände näher an unsere Kunden zu bringen. Dadurch ist zusätzlicher Platz für eine größere Produktpalette und ein höherer Lagerbestand entstanden. In dem neuen Shuttlesystem können bis zu 450.000 Produkte bevorratet werden. Bedingt durch die höhere Sortimentsbreite müssen weniger Produkte aus unseren anderen Lagerstätten versandt werden.

Nicht zuletzt haben diese Bemühungen dazu geführt, dass EcoVadis die RS Group mit einer Platinmedaille ausgezeichnet hat. Damit gehören wir zu den besten ein Prozent der über 100.000 bewerteten Unternehmen. Ganz besonders ist hervorzuheben, dass die Auditoren die RS Group als führend in den Bereichen Umwelt und nachhaltige Beschaffung beurteilten. In die gleiche Richtung weist zudem die kürzliche Aufnahme von RS in die Dow Jones Sustainability Indices, insbesondere in den DJSI Europe.

Auch mit unserer Produktpalette unterstützen wir Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsziele. Derzeit arbeiten wir an Produkten, deren Nachhaltigkeit anhand von uns festgelegten Kriterien ein eigenes Siegel belegt. Auch im Sortiment unserer Eigenmarke RS Pro findet sich ein breit gefächertes Angebot an Bauteilen und Komponenten, um Energieeinsparungen zu erzielen und die Effizienz zu steigern. n“ rel=“nofollow“ target=“_blank“>tedo.link

Distributoren-Umfrage (SPS-MAGAZIN 9/2023)

Distributoren als wachsame Beobachter und Wegbereiter: Wie sie die Zukunft der Automatisierung sehen – das haben wir sieben Fachleute im ersten Teil unserer Umfrage gefragt.

TeDo Verlag GmbH

Das könnte Sie auch Interessieren

Weitere Beiträge

Bild: Siemens AG
Bild: Siemens AG
„Wer Simatic kann, kann jetzt auch Motion“

„Wer Simatic kann, kann jetzt auch Motion“

Auf der SPS-Messe im vergangenen November hat Siemens ein neues Motto ausgerufen: Einfach automatisieren! Zwar ist der Easy-to-Use-Ansatz in der Branche nicht wirklich neu, er spielt den Anwendern in Zeiten des anhaltenden Fachkräftemangels aber immer stärker in die Karten. Das SPS-MAGAZIN hat sich mit Rainer Brehm, CEO Factory Automation, darüber unterhalten, wie der Einfach-Anspruch das eigene Selbstverständnis prägt und was er für den Anwender bedeutet.

mehr lesen