Interview mit Udo Richter von Exor

Diese Neuheiten hat Exor auf der SPS 2023 vorgestellt

Industrial Automation Platform: Unter diesem Claim präsentierte Exor auf der SPS sein Selbstverständnis als Plattformanbieter - der den Maschinenbau von der Feldebene bis zur Cloud bedient. In diesem Rahmen waren auf dem Messestand in Nürnberg auch spannende Neuheiten zu sehen. Das SPS-MAGAZIN hat mit Udo Richter, Geschäftsführer bei Exor in Deutschland, über die Positionierung des Unternehmens und die neuen Produkte gesprochen.
 Udo Richter ist Geschäftsführer von Exor in Deutschland.
Udo Richter ist Geschäftsführer von Exor in Deutschland. Bild: Exor Deutschland GmbH

Industrial Automation Platform: So lautete der Claim von Exor auf der SPS 2023. Was genau steckt dahinter, Herr Richter?

Udo Richter: Hinter diesen drei Wörtern verbirgt sich nicht weniger als unser Selbstverständnis als Automatisierer. Das ist an sich auch nicht neu: Denn mit Blick auf das Hardware-Portfolio positioniert sich Exor schon lange als Plattformanbieter. Egal ob 4,3″-Webpanel, IoT-Gateway oder 21″-IPC – jeder Anwender findet bei Exor das zu seiner Aufgabe passende Gerät. Was sich allerdings verändert: Wir weiten den Plattformgedanken mittlerweile auch auf die Software-Seite aus, z.B. mit der Visualisierungslösung JMobile, der Corvina-Cloud oder auch der IEC61131-Entwicklungsumgebung LogicLab, die wir durch die Übernahme der italienischen Firma Axel nun im Programm haben. Hier ist bei Exor eine tolle Entwicklung im Gange: Neben den 50 Jahren Hardware-Expertise haben wir bereits über ein Jahrzehnt Industrial-IT-Knowhow. So können wir heute die gesamte Tool Chain abdecken. Ziel bei Exor ist es, Hardware und Software so durchgängig zu machen, dass alle Bestandteile nahtlos zusammenpassen, und so offen, dass die Geräte auch mit Automatisierungslösungen anderer Hersteller kommunizieren können.

Offenheit wird in der Automatisierung bisweilen recht verschieden ausgelegt. Wofür steht der Begriff bei Exor?

Erstmal steht es für die Kommunikationsfähigkeit: Exor hat nie einen eigenen Netzwerkstandard propagiert. Stattdessen decken wir das komplette Programm der etablierten Schnittstellen ab. Bei den Programmiersprachen bieten wir gemäß der IEC61131 ebenfalls ein breites Spektrum an. Bei der Visualisierung ist es nicht anders: JMobile unterstützt über 200 Protokolle von der Feldebene bis in die Cloud. Apropos Cloud: Auch Corvina ist als White-Label-IoT-lösung komplett offen und lässt sich vom Anwender als eigenen Brand für Businessmodelle nutzen. Wenn man darüber hinausgeht, in Richtung digitaler Marktplätze, bleibt Exor gleichfalls offen und flexibel: Wir wollen nicht nur in den etablierten App-Stores der Branche vertreten sein, sondern parallel einen eigenen Marktplatz aufbauen. Einige Apps von uns sind bereits verfügbar. Durch die Microservice-basierte Architektur und offene IT-Technologien sind wir aber auch offen für Apps von Drittanbietern.

Cloud-Lösungen werden im Maschinenbau immer noch kontrovers diskutiert.

Das ist richtig. Deswegen richtet sich Exor an dieser Stelle nach dem Wünschen des Anwenders. Will er die Corvina-Cloud nutzen, sind die Einstiegshürden denkbar niedrig. Denn die Software läuft auch ohne Exor-Hardware. Für eine VPN-Lösung kann der Kunde also bereits vorhandene Thirdparty-Geräte als Basis nutzen. In einem nächsten Schritt kann er dann unkompliziert auf Exor-Hardware wechseln. Umgekehrt kann er sich mit unseren Lösungen natürlich auch rein auf der Maschinenebene oder in der Edge bewegen. Wichtig ist zudem, dass einmal mit Exor-Produkten erstelle Lösungen mit ihren Aufgaben mitwachsen können: Benötigt der Anwender für eine neue Maschinenvariante z.B. ein größeres Display, kann er die Änderungen ohne großen Aufwand realisieren. Das gleiche gilt in Punkto Rechenleistung: Die Panels einer Größe – z.B. 10″ – haben bei Exor allesamt die gleichen Abmessungen, unabhängig von der Generation oder der Performance. Auch die Programmierumgebungen bleiben stets die gleichen.

 Die neue ex200-Familie bietet einen guten Kompromiss aus Entrylevel-Preis und hoher Qualität.
Die neue ex200-Familie bietet einen guten Kompromiss aus Entrylevel-Preis und hoher Qualität.Bild: Exor Deutschland GmbH

Wird sich die Gewichtung innerhalb der Exor-Plattform künftig weiter in Richtung Software verschieben?

Mehrwerte und Unterscheidungsmerkmale müssen wir als Automatisierer sicherlich zunehmend über die Software einspielen. Man darf die Hardware aber keineswegs außer Acht lassen. Exor setzt seit jeher auf qualitativ hochwertige Geräte, die in Europa – vorwiegend in Italien – produziert werden. Für diese Qualität gibt es in der Industrie eine große Nachfrage, schließlich bietet sie die Basis für einen stabilen, zuverlässigen und performanten Betrieb der Maschine. Das ist nicht nur bei den klassischen IPCs und Panels so, sondern in Bezug auf Machine Learning bzw. KI vor allem auch im Edge-Bereich. Deshalb wird sich die Exor-Ausrichtung auf hochwertige, langzeitverfügbare Hardware nicht ändern.

Lassen Sie uns über die Exor-Neuheiten der Messe sprechen. Was war aus Ihrer Sicht das Highlight?

Davon gab es mehrere. Ein Produkt, das bei den Messebesuchern extrem gut ankam ist die neue ex200-Serie, die unser Panel-Portfolio nach unten hin abrundet. Es handelt sich quasi um abgespeckte ex700-Modelle – also mehr um klassische Visualisierungs-Panel, als um vollwertige Steuerungen. Damit adressieren wir ein großes Marktsegment, auch und gerade mit Blick auf den Wettbewerb aus Asien. Dennoch haben wir bei den neuen Geräten den hochwertigen Glas-Touchscreen beibehalten. Abstriche machen wir nur mit dem Kunststoffgehäuse sowie auf Seite der Schnittstellen. Der Anwender erhält mit der ex200-Serie also einen sehr guten Kompromiss aus Entrylevel-Preis und Qualität Made in Italy. Große Aufmerksamkeit auf der Messe haben aber auch unsere Handhelds erzeugt.

Warum das?

In diesem Bereich zielen in die entgegengesetzte Richtung. Denn wir haben die bisherigen 5″-Geräte um Modelle mit 7 und 10″ erweitert. Eine echte Besonderheit sind die verschiedenen Arten der Anbindung. Die Handhelds sind mit klassischem Kabel, PoE oder Wireless erhältlich – allesamt erfüllen sie gemäß SIL3 hohe Safety-Anforderungen. Die Drahtlos-Variante hat in Nürnberg am meisten Interesse hervorgerufen. Daran lässt sich ablesen: Vorbehalte gegenüber Wireless bauen sich in der Industrie zunehmend ab. Für die, die sich noch unsicher sind, empfehlen wir die PoE-Lösung, mit der der Anwender ebenfalls ohne großen Verkabelungsaufwand von Station zu Station in der Fertigung wechseln kann. Ein weiteres Highlight auf der SPS war unser erster Box-PC. Bisher haben wir an dieser Stelle auf einen Partner gesetzt. Dabei war das technische Knowhow bei Exor längst vorhanden – die Entwicklung einer eigenen IPC-Familie also nur der nächste logische Schritt. Gemäß unseres Anspruchs an Flexibilität und Skalierbarkeit gibt es die Rechner auch in einer Panel-PC-Variante, die wiederum von den Abmessungen mit unseren bestehenden Panels kompatibel sind. Mit einer Ausnahme: Bei den IPCs wird es erstmals auch ein Modell mit 24″ geben.

 Logischer nächster Schritt: Auf der SPS hat Exor den 
ersten Box-IPC aus eigener Fertigung vorgestellt.
Logischer nächster Schritt: Auf der SPS hat Exor den ersten Box-IPC aus eigener Fertigung vorgestellt. Bild: Exor Deutschland GmbH

Größere Panel-Dimensionen: Ist das ein Trend auf dem Markt?

Es gibt verschiedene Stoßrichtungen, aber eine sehr populäre geht ganz klar in diese Richtung: 7″-Displays werden immer öfter durch 10″-Modelle ersetzt, statt 12″ greift der Anwender mehr und mehr zu 15″. Gleichzeitig sollen Panels neben der reinen Anzeige weitere Aufgaben übernehmen, z.B. zur Steuerung, für die Datenverarbeitung oder als Access Point in die Maschine. Und dafür benötigen sie ausreichend Funktionalität und Leistung. IoT und Cloud sind also nur das eine – das andere sind Mehrwerte, die der Anwender direkt an der Maschine, direkt am HMI umsetzen kann. Deswegen heißt es gemäß unserer Philosophie nicht Edge oder Cloud, sondern Edge und Cloud.

Können Sie das bitte etwas näher erläutern?

Aus unserer Sicht sollte die Datenerfassung prinzipiell in der Edge stattfinden. Dort laufen die Apps, um Smart Data aus Big Data zu machen sowie die Daten-Vorverarbeitung für Analytics. Daraufhin entscheidet der Anwender, welche und wie viele Daten er in die Cloud schickt und sich übergeordnet anzeigen lässt. Gerade wenn man weiter in Richtung ML und KI denkt, wird es ohne die Cloud nicht gehen. Das sieht man heute schon deutlich bei Lösungen für Predictive Maintenance. In der Folge deckt der Plattform-Ansatz von Exor alle Punkte ab – Edge und Cloud, Hardware und Software.

Wie bewertet die Anwenderseite dieses Selbstverständnis von Exor?

Die Message kommt bei den Kunden gut an. Denn sie bedeutet ja keinen 180°-Schwenk, sondern vielmehr die konsequente Fortführung unseres bisherigen Weges. Mit dem wachsenden Software-Angebot bauen wir unsere etablierte Plattform weiter aus. Das ist auf Anwenderseite gut nachvollziehbar und deckt sich mit den Anforderungen auf dem Markt. So wird es für uns immer mehr um die Umsetzung kompletter Lösungen gehen – mit dem eigenen Integrator in der Firmengruppe oder auch mit passenden Partnern. Das wird sich auch auf den Vertrieb auswirken, aber sicherlich nicht von heute auf morgen. Und natürlich vergessen wir nicht, wo wir herkommen. Dennoch werden wir Exor zukunftsgerecht aufstellen und positionieren.

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