Mehr als nur Ventile

Gestalter des fluidischen Regelkreises

Es läuft bei Bürkert und das nicht nur in Bezug auf Flüssigkeiten und Gasen in fluidischen Regelkreisen. Auch wirtschaftlich steht das Familienunternehmen gut da. Was das Unternehmen auszeichnet und wie die Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden soll, erfuhr das SPS-MAGAZIN im Gespräch mit dem neuen CEO Georg Stawowy.
Dosieranlage mit Bürkert-Coriolis-Massendurchflussregler (MFC) bzw. Massendurchflussmesser (MFM) zur sehr präzisen Messung und Regelung von kleinen Flüssigkeitsmengen. Bild: Bürkert Fluid Control Systems

Die Entstehungsgeschichte von Bürkert ist sehr speziell und hatte ursprünglich nichts mit Ventilen zu tun. Viel mehr schlachtete der Gründer Christian Bürkert während des zweiten Weltkriegs ein amerikanisches Flugzeug aus, das im Kochertal abgestürzt war, und baute aus den Instrumenten sowie deren Bi-Metallen sein erstes Produkt: eine Brutmaschine für Hühnereier. Erst nachdem er sich mit dem Öl-Regelkreis befasst hatte, begann er sich mit der Ventiltechnik zu beschäftigen. Mit Weitblick, Erfindergeist und Tatkraft baute Christian Bürkert sein Unternehmen aus und machte es zur gefragten Adresse im Bereich der Magnetventile.

„Auch heute ist Bürkert vor allem für seine hochwertigen Ventile bekannt, allerdings sind wir inzwischen viel breiter aufgestellt“, betont Bürkert-CEO Georg Stawowy und führt weiter aus: „Unser Produktportfolio umfasst die gesamte Bandbreite des Messens, Steuerns und Regelns von Gasen und Flüssigkeiten vom einzelnen Aktor, Sensor oder Regler bis zu kompletten Automatisierungslösungen und Fluidsystemen. Während sich Mitbewerber auf einzelne Produktsegmente, wie Durchflussmesser, Zylinder oder Magnetventile, spezialisiert haben, kümmern wir uns um den gesamten fluidischen Regelkreis.“

Auch bei den Zielbranchen ist Bürkert breit aufgestellt. Von der Wasserüberwachung und -aufbereitung über Pharmazie, Biotechnologie sowie die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie bis zur Halbleiterproduktion reicht die Bandbreite der Märkte auf die sich Bürkert fokussiert. „Prinzipiell sind wir überall vertreten, wo Fluide hoch genau dosiert und verteilt werden müssen. Sogar bei der Belüftung von Autositzen, obwohl Automotive sicherlich nicht unsere Kernbranche ist“, präzisiert Georg Stawowy.

Vom Produkt bis zum Komplettsystem

Der Erfolg von Bürkert fußt nicht auf Produkten von der Stange. Im Gegenteil: Aufgrund der Modularität kann jeder Kunde sich sein Ventil selber konfigurieren und bestellen, z.B. mit geradem oder schrägem Sitz, einem, zwei oder drei Ausgängen, mit oder ohne Antrieb, usw. Das gilt auch schon für sehr kleine Losgrößen von fünf oder sechs Stück.

Auch wenn noch überwiegend Produkte verkauft werden, steigt der Anteil der Systemlösungen. Dieser liegt aktuell noch bei 20%, soll aber sukzessive weiter ausgebaut werden. Der Übergang zwischen Produkt, kundenspezifischem Produkt und Systemlösung ist dabei fließend. Den Ablauf beschreibt Georg Stawowy wie folgt: „Für eine kundenspezifische Applikation benötigen wir die technischen Daten, wie Volumenströme, Schaltzeiten und so weiter. Diese nehmen wir in das Lastenheft auf und konstruieren dann die Anlage – wenn möglich mit Bürkert-Produkten. Optional integrieren wir aber auch Produkte von Drittanbietern. Am Ende bekommt der Kunde dann ein Komplettsystem, das er in seine Anlage optimal integrieren kann.“ Dabei ist es von Vorteil, dass Bürkert eine große Fertigungstiefe hat und sich Spritzgussmaschinen sowie Schweißanlagen im Haus befinden. So kann das Unternehmen flexibel auf kundenspezifische Wünsche reagieren und diese schnell umsetzen.

Mehr Digitalisierung und Automatisierung

Dass die Digitalisierung und die Automatisierung einen immer größeren Stellenwert bei den Produkten und Lösungen von Bürkert haben, sieht man deutlich an der bereits 2015 eingeführten Efficient Device Integration Platform EDIP sowie den neuen darauf basierenden Produkten. Die Geräteplattform vereinheitlicht Bedienung, Kommunikation sowie Schnittstellen der Prozessgeräte und basiert auf den drei Säulen Kommunikation, Hard- und Software. Das Rückenmark von EDIP ist eine digitale Schnittstelle die in weiten Teilen dem CANopen-Standard entspricht. Für die übergreifende Kommunikation sind natürlich Schnittstellen zu allen gängigen Systemen vorhanden. Zwei der verfügbaren Geräte einer ganzen Reihe kommender Innovationen, die auf EDIP basieren, sind das Online-Wasseranalysesystem Typ 8905 sowie der SAW-Durchflussmesser Flowave Type 8098.

Sein Prozess-Knowhow, seine Fertigungstiefe sowie seine Produktqualität stellt Bürkert auch regelmäßig bei speziellen Kundenprojekten unter Beweis, bei denen das Familienunternehmen für Kunden komplette Lösungen konstruiert. Georg Stawowy gibt dafür ein Beispiel: „In einer Anlage zur Herstellung von Softdrinks misst ein Flowave Typ 8098 den Durchfluss, die Temperatur sowie den Differenzierungsfaktor. Dazu wertet er den akustischen Übertragungsfaktor der verschiedenen Flüssigkeiten aus. So lassen sich vor dem Mischtank auch Medienwechsel automatisch, schnell und präzise erkennen. Das Ergebnis: eine permanente Überwachung der Produktqualität und die Vermeidung von Ausschuss. Dabei liefern wir dem Kunden das komplett Gewerk inklusive der Steuerung, sodass er es gleich in seinen Prozess integrieren kann.“

In den nächsten zweieinhalb Jahren investiert der Fluidikspezialist rund 70Mio.€ an unterschiedlichen Standorten. Durch diese Investitionen im In- und Ausland, will Bürkert seine bereits bestehende Position am Markt ausbauen, gleichzeitig aber auch neue Märkte erschließen und so gemeinsam mit Kunden und Partnern weiter wachsen. Bild: Bürkert Fluid Control Systems

Nachhaltigkeit im Fokus

Zudem liegt Bürkert das Thema Nachhaltigkeit am Herzen. So werden alle deutschen Standorte seit 2021 mit Ökostrom versorgt, der Fuhrpark wird kontinuierlich um E-Fahrzeuge erweitert und vor allem bei Neubauten werden umfangreiche Maßnahmen zur Ressourcenschonung, Energieeinsparung, -versorgung und -verteilung umgesetzt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Bürkert Campus, den der TÜV für seine CO2-neutrale und besonders nachhaltige Bauweise ausgezeichnet hat – ein Standard auch für zukünftige Bauprojekte. Zudem wurde das Projekt 203ZER0 ins Leben gerufen, mit dem Ziel bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu sein.

Aber auch bei seinen Produkten und Lösungen achtet Bürkert auf Nachhaltigkeit. So wird derzeit analysiert, an welchen Stellen CO2 entsteht und wo es eingespart werden kann, was einen ersten Schritt in Richtung CO2-neutrale Produktion darstellt. Produktpolitisch sind die Magnetventile mit Doppelspule und Kick&Drop-Elektronik für Georg Stawowy ein gutes Beispiel für Effizienz: „Sie verbrauchen je nach Lastwechsel bis zu 80% weniger Energie als konventionelle Lösungen, da die zum Öffnen des Ventils benötigte hohe Anzugskraft über einen hohen Spannungsimpuls erzeugt wird und für das Offenhalten kaum Strom gebraucht wird. Sie eignen sich besonders für dauergeöffnete Ventile.“ Aber auch als Markt ist Nachhaltigkeit ein Thema für Bürkert, in dem das Unternehmen beispielsweise das Thema Wasserstoff bedient.

Fokussierung auf strategische Ziele

Laut eigener Aussage will der Bürkert-CEO das global aufgestellte Unternehmen mehr auf die eigenen Stärken sowie strategischen Ziele fokussieren. Zudem soll die Digitalisierung weiter vorangetrieben werden, die mit dem Transformationsprogramm ‚Bürkert next‘ vor ein paar Jahren angestoßen wurde – im Fokus: ganzheitliche Organisationsentwicklung und Digitalisierung in allen Unternehmensbereichen. Als nächstes sollen die Prozessstrukturen vereinheitlicht werden. „Perspektivisch stehen wir vor denselben Herausforderungen wie viele Mittelständler: Wir benötigen Effizienzgewinne durch Digitalisierung, um das geplante Wachstum umsetzen zu können“, so Georg Stawowy, der die Digitalisierung auch als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel sieht. „Obwohl die Produktion immer mehr digitalisiert und automatisiert wird, heißt dass aber nicht, dass wir weniger Mitarbeiter benötigen. Umsatzentwicklung und Mitarbeiteranzahl wachsen trotz Rationalisierungseffekten proportional zueinander. Dementsprechend sind wir immer auf der Suche nach guten Mitarbeitern.“

Längerfristig will Bürkert seine Produktion dezentralisieren und die Strategie local-for-local umsetzen, um exakter für die regionalen Märkte zu produzieren, mehr Fertigungstiefe vor Ort aufzubauen und Kunden schneller bedienen zu können. Dann soll sich auch der Umsatz sowie die Kompetenz zwischen den großen globalen Wirtschaftszentren China, Indien, Europa, Nordamerika ausgewogen verteilen. Dafür wurde vor wenigen Jahren das historisch größte Investitionsprogramm des Unternehmens angestoßen. So wurde bereits am 13. Juli der Erweiterungsbau des Bürkert Werks in Triembach au Val im Elsass eröffnet. Neben dem ca. 1.500m² großen Logistikgebäude, das bereits im März 2022 bezogen wurde, wurden jetzt Produktionsflächen mit einer Gesamtgröße von rund 4.000m² errichtet. Rund 15Mio.€ investierte Bürkert Fluid Control Systems in die Erweiterung des französischen Produktionsstandorts, an dem industrielle Sensoren, wie Flowave, gefertigt werden. Im Oktober soll in China ein neues Werk eröffnet werden und auch in den USA baut Bürkert die Fertigungstiefe aus. Im nächsten Schritt folgt Indien. Dabei betont Georg Stawowy, dass local-for-local keine Abkehr vom Produktionsstandort Deutschland ist: „Auch in Deutschland erweitern wir unsere Fertigung. Hier ist und bleibt unsere Kernkompetenz.“

Das könnte Sie auch Interessieren

Weitere Beiträge