Interview mit Philipp Steinberger, CEO bei Wöhner

Der Dreiklang der Nachhaltigkeit

Wie viele andere Unternehmen, die den Schaltschrank- und Maschinenbau beliefern, hatte auch Wöhner im letzten Jahr mit einem Dilemma zu kämpfen: Eine sehr gute Auftragslage stand bisher nicht dagewesenen Material- und Lieferengpässen gegenüber. Zudem trieb der Anbieter von elektrotechnischen Komponenten aus Rödental seine Digitalisierung maßgeblich voran: sowohl in der Kommunikation mit den Kunden, als auch mit Blick auf seine Logistik und Fertigung. Ergänzt wurden diese Aktivitäten durch eine Vielzahl neuer Produkte. Über diese Themen und noch mehr unterhielt sich das SPS-MAGAZIN zu Beginn des neuen Jahres mit Wöhner-CEO Philipp Steinberger.

Einige Neuheiten aus 2021 hatten wir bereits in unserem letzten Gespräch beleuchtet. Welche Lösungen sind dann im zweiten Halbjahr noch hinzugekommen?

Steinberger: Zur SPS haben wir die zusätzlichen Längen des CrossBoard vorgestellt, mit einer rückseitigen Einspeisung und einer Befestigung für das Verdrahtungssystem der Firma Lütze. Auf diese Weise wird der Schaltschrank Plug&Play-technisch vorkonfiguriert. Das heißt, die Montageplatte wird mit einer Basis versehen, die entsprechend verdrahtet ist und auf die das CrossBoard dann nur noch eingeklickt wird. Das funktioniert entweder mit einer herkömmlichen Montageplatte oder aber dem Lütze-Verdrahtungssystem, für das spezielle Montagebügel entwickelt wurden. Zudem hat Wöhner den Messtechnik-Adapter CrossMT vorgestellt. Intern nannten wir diesen eine Zeit lang Sandwich, da er eine Schnittstelle besitzt, mit der er mit seiner Rückseite am CrossBoard befestigt wird. Vorderseitig wird auf dem CrossMT ein Gerät montiert, das von sich aus keine Intelligenz besitzt, diese aber durch den CrossMT erlangt. Dies kann ein beliebiges Gerät mit einer CrossBoard-Schnittstelle sein (beispielsweise ein Trenner), sodass dann Standardmessungen wie Strom, Spannung oder Temperatur etc. durchgeführt und daraus abzuleitende Größen wie Leistungen, Energie, Phasenwinkel und Frequenz berechnet werden können. Diese Daten können über verschiedene Kommunikationsschnittstellen (USB-C, digitale Ein-/Ausgänge, IO-Link) ausgegeben werden. Sicherungsüberwachung und Rückschlüsse auf eine Vielzahl von Größen wie Einspeisequalität, Motorzustand, Energie- und Stromverbrauch sind so möglich. Anhand der gemessenen Daten und der Teach-in-Funktion wird der Ist-Zustand mit dem Soll-Zustand verglichen – Predictive Maintenance also. Kompatibel mit CrossMT sind nicht nur Wöhner-Lösungen, sondern prinzipiell auch Komponenten von Drittanbietern, die über eine CrossBoard-Schnittstelle verfügen. Für uns ist das ein großer Schritt in die Welt der elektronischen Messtechnik, und hier werden weitere Produkte folgen. Eine andere Neuheit ist die Serie der Capus-Lasttrennschalter, die wir in Brasilien herstellen und die wir global im IEC-Markt und mit der CCC-Zulassung im chinesischen Markt ausgerollt haben. Der elektronische Schalter Omus C14 schließlich verwendet eine ähnliche Technologie wie der Motus C14, schaltet aber keine induktiven, sondern 1-phasige und 3-phasige ohmsche Lasten mit einer Schaltfrequenz bis zu 20Hz. Unser bisheriger Omus konnte hohe Ströme langsam schalten, z.B. bei großen Extruder-Heizungen. Mit dem schnellen Schalten weiten wir das Anwendungsspektrum nun für andere Applikationen aus, beispielsweise kleine Heizungen in einer Kunststoff-Spritzanlage. Dank der C14-Technologie schaltet das Gerät im Störfall sehr schnell ab und ist nach der Fehlerbehebung sofort wieder einschaltbar.

Bild: Wöhner GmbH & Co. KG

Stichwort Nachhaltigkeit: Der ZVEI hat einen Showcase zum Thema Ermittlung des CO2-Fußabdrucks eines Schaltschranks ins Leben gerufen, an dem auch Wöhner mit dem CrossBoard beteiligt ist – zusammen mit zahlreichen weiteren Komponenten-Anbietern. Kurz gesagt soll aus den Werten aller verbauten Komponenten der gesamte CO2-Fußabdruck eines Schaltschranks ermittelt werden. Wie schwierig ist es für Sie, einen validen CO2-Wert für das CrossBoard zu eruieren?

Steinberger: Wöhner ist beim Thema Nachhaltigkeit, CO2-Neutralität und CO2-Positivität sehr aktiv unterwegs. Der Vorteil unserer Produkte besteht darin, dass wir eine sehr hohe Wertschöpfungskette innerhalb der Firmenfamilie haben. Beispielsweise stellen wir unsere Kunststoffteile und einen Großteil unserer Metallteile selbst her, das heißt zumindest diese Fertigungsstufen können wir sehr gut einsehen. Was unsere Lieferanten betrifft, ist es natürlich etwas schwieriger. Allerdings erreichen wir mit unseren elektromechanischen Produkten hier nicht eine solche Komplexität, wie dies beispielsweise bei einem Steuerungshersteller der Fall ist, der viel mehr Elektronik verbaut. Für unsere Firmengruppe haben wir bereits den CO2-Fußabdruck ermittelt. Also: Je höher die eigene Wertschöpfungskette, umso aussagefähiger die Angaben. Daher können wir für das CrossBoard sehr valide Aussagen treffen, was den CO2-Fußabdruck angeht. Grundsätzlich denke ich, dass die Reduktion des CO2-Ausstoßes nicht nur unter Kostenaspekten und auch nicht unter dem Gesichtspunkt regulativer Vorgaben betrachtet werden sollte.

Für Wöhner, aber auch für andere Unternehmen, ist Nachhaltigkeit eine absolute Notwendigkeit und keine Erfüllung einer Vorgabe. Wir sind nur zukunftsfähig, wenn wir diesen Weg beschreiten. Viele Themen, die uns von außen regulatorisch aufgestülpt werden, erfüllen nur den Zweck, eine Menge von Listen zu pflegen. Sie entwickeln sich rasch zu Bürokratie-Monstern, bei denen der eigentliche Zweck völlig aus dem Blickfeld gerät. Das sollten wir beim Thema Nachhaltigkeit unbedingt vermeiden und unsere Anstrengungen in Unternehmen, Verbänden und Gremien entsprechend ausrichten. Nachhaltigkeit muss in Zukunftsfähigkeit münden. Letztendlich ist Nachhaltigkeit ein Dreiklang, der immer soziale, ökologische und wirtschaftliche Komponenten beinhaltet. (jwz)

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Nachdem auch Wöhner in letzter Zeit Pandemie-bedingt die Präsentation seiner neuen Produkte in den virtuellen Raum verlegt hatte, stellte das Unternehmen auf der Hannover Messe wieder in Präsenz aus und zeigte dort viele seiner Neuheiten: etwa das Energieverteilungssystem CrossBoard in zusätzlichen Breiten und dazugehörigem
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