Namur-Erfahrungsbericht Ethernet APL - Interview mit Sven Seintsch
APL ist startklar
Ethernet APL bietet für die Prozessindustrie völlig neue Möglichkeiten für die digitale Kommunikation auf der Feldebene. Das SPS-MAGAZIN hat mit Sven Seintsch (Bilfinger Engineering & Maintenance), Ansprechpartner des Namur Arbeitskreises 2.6. ´Digitale Prozesskommunikation´, darüber gesprochen, welche Möglichkeiten das sind, welche Rolle die funktionale Sicherheit zukünftig spielt, und über seine bisherige Erfahrung mit APL.

Herr Seintsch, der klassische Feldbus hat sich in der Prozessindustrie nie wirklich durchsetzen können. Warum soll es jetzt mit Ethernet APL anders laufen?

Sven Seintsch: Als Erweiterung der existierenden Ethernet Physical Layer lassen sich jetzt auch mit APL alle Ethernet-Protokolle und Funktionen verwenden, die in vielen anderen Industrien schon genutzt werden. APL ist eine Schnittstelle für die Prozessautomatisierung und auch im explosionsgefährdeten Bereich universeller nutzbar. Anlaufschwierigkeiten der klassischen Feldbussysteme wie z.B. die Geräteintegration sind inzwischen behoben. Ich denke hier haben wir alle dazugelernt. Hinzu kommen neue Use Cases, die sich durch den Geschwindigkeitszuwachs realisieren lassen wie eine As-Build-Dokumentation der Geräte inklusive Parametrierung.

Welche praktischen Erfahrungen hat die Namur bisher mit APL bei ihren Tests gewinnen können?

Erste Stabilitätstest des neuen Physical Layer sind sehr positiv verlaufen. Die Inbetriebnahme der Geräte und Segmente war sehr einfach, dies ist aber auch in Verbindung mit dem verwendeten Protokoll Profinet (Profi 4.0) zu sehen. Hierbei zeigte sich, dass sich Profinet via APL genauso verhält wie ein Standard-Profinet. Alle Profinet Tools und Funktionen können auch bei APL genutzt werden. Begeistert hat zudem die Geschwindigkeit, mit der sich z.B. Hüllkurven von Radargeräten in Echtzeit darstellen lassen.

Wo sehen Sie aktuell noch Probleme bei APL und welche Funktionen wünschen Sie sich noch?

Probleme resultieren weniger aus dem eigentlichen Physical Layer APL, sondern eher aus der Funktion des Gesamtsystems im Zusammenspiel mit den Protokollen und den Leitsystemen. Wichtig ist, dass es für den Anwender endlich einfacher wird, und Basisfunktionen wie die Gerätediagnose nach NE107, inklusive der Symbolik auch für Infrastrukturkomponenten automatisch in den Systemen zur Verfügung stehen. Auch beim Gerätetausch gibt es noch Verbesserungspotential. Gerätetausch muss ohne Eingriff am Automatisierungssystem, im Rahmen von Grundfunktionalitäten, erfolgen können. Das ist heute schon herstellerübergreifend möglich, es muss „nur“ umgesetzt werden.

Wie sieht es bei APL mit dem Thema Geräteintegration aus? Spielt hier FDI auch zukünftig noch eine Rolle?

FDI spielt auch bei APL eine zentrale Rolle, denn auch APL-Geräte müssen parametriert werden. Zusätzlich sollte auch die Konfiguration von Infrastrukturkomponenten wie Field-Switches über FDI erfolgen. Dafür ist eine zentrale Integration von FDI Packages in das Assetmanagementsystem notwendig.

Auf welche Industrieprotokolle setzen Sie derzeit bei APL und wie sieht es möglicherweise zukünftig mit dem Einsatz von OPC UA zur Prozessführung aus?

Wir haben in der NE168 klar gefordert, nur Profinet und Ethernet IP als Protokolle zur Prozessführung zu verwenden. Beide Protokolle sind weltweit verbreitet, haben sich in der Fertigungsindustrie bewährt und sind auf die Belange der Prozessindustrie erweitert worden. Damit ist APL startklar. OPC UA kann zusätzlich als Second Channel zum Transport von NOA-Informationen schon verwendet werden. Die verschiedenen Initiativen, OPC UA zukünftig auch zur Prozessführung zu verwenden, sind ganz am Anfang. Grundlagen sind hier noch zu klären. Aus Akzeptanzgründen ist es wichtig, dass es am Ende nur eine Lösung gibt.

Der Namur AK 2.6. hat kürzlich das Positionspapier ´Ethernet APL für Anwendungen der funktionalen Sicherheit´ veröffentlicht. Was ist hier der Hintergrund?

Ein wesentlicher Baustein, der bei den Feldbussystemen fehlt, waren Geräte für die Funktionale Sicherheit. Sicherheitsgerichtete Messstellen mussten immer mit analogen 4-20mA-Geräten realisiert werden. Das hatte zur Folge, dass viele Projekte nicht mit Feldbus umgesetzt wurden, um einen Technologiemix zu vermeiden. Mit unserem Positionspapier möchten wir rechtzeitig darauf aufmerksam machen, dass Funktionale Sicherheit ein wichtiger zukünftiger Baustein für den Erfolg von APL ist. Gefordert werden unter anderem Geräte, die zwischen Sicherheits- und Normalbetrieb umgeschaltet werden können, um gleiche Geräte in Betriebs- und Sicherheitseinrichtung verwenden zu können wie bisher. Die dadurch erreichten höheren Gerätestückzahlen erleichtern Wartung, Lagerhaltung, und ermöglichen die Betriebsbewährung von Geräten.

Bis wann schätzen Sie, wird APL nennenswert in der Prozessindustrie zum Einsatz kommen?

Ich hoffe, sehr zeitnah. Leitsysteme mit den entsprechenden Schnittstellen, Geräte und Infrastruktur-Komponenten sind vorhanden bzw. in der Endphase der Entwicklung. Verschiedene Anwender planen bereits die Einführung von APL in ihren Produktionsanlagen. (peb)

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