\“Wir sind eine industrielle Software Company\“

Wie steht es um Automation made in USA? Das SPS-MAGAZIN hat mit Keith Nosbusch, Chef von Rockwell Automation, über die Entwicklungen auf dem amerikanischen Markt, über Wettbewerbsfähigkeit im globalen Vergleich sowie über die Herausforderungen auf dem Weg zur Produktion der Zukunft gesprochen.

Herr Nosbusch, wie bewerten Sie den Trend der Manufacturing Renaissance in den USA? Steckt dahinter wirklich ein Comeback der Industrie oder ist das Ganze doch eher marketing-getrieben?

Keith Nosbusch: Also ich denke nicht, dass es hier um Marketing geht. Aktuell ist hier wirklich einiges in Bewegung, gerade wenn man den US-Markt mit anderen Regionen der Welt vergleicht. Das Marktwachstum hat sich nicht wie in den Schwellenländern entwickelt – gerade Länder wie China und Brasilien haben im Vergleich ganz andere Wachstumsraten. Aber gerade hinsichtlich der Technik sind die USA in den vergangenen Jahren wieder sehr wettbewerbsfähig geworden. Wie andere klassische Märkte auch, haben wir uns zudem stark auf Produktivität und Effizienz konzentriert. Die Nachfrage in Amerika steigt, während die Energiekosten sinken – wir haben heute die niedrigsten Strompreise der Welt. Das ist sicherlich hilfreich für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Zudem hat sich ein breiteres Bewusstsein und Verständnis dafür entwickelt, dass die Fertigungsindustrie für die Wirtschaft unseres Landes sehr zuträglich ist. 20 Jahre lang drehte sich alles um die Dienstleistungsgesellschaft und den Finanzbereich. Heute ist den Leuten wieder klar, dass die Industrie einer der wenigen Bereiche ist, der Wohlstand generiert, einen gesunden Mittelstand hervorbringt und eine wachsende Wirtschaft ermöglicht.

Als zentrales Vorhaben will Rockwell Automation die richtigen Lösungen für die Zukunft entwickeln – nicht nur für die USA, sondern für die gesamte Welt. Wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit Ihrer Lösungen im Vergleich zu anderen global aufgestellten Anbietern der Automatisierungstechnik?

Nosbusch: Wenn man die großen Player betrachtet, diejenigen die global mitspielen, sind alle wettbewerbsfähig aufgestellt. So ist z.B. auch Siemens, unser engster Marktbegleiter weltweit, sicherlich eine Firma, die keine schlechte Technik auf den Markt bringt. Aber wir können einige Alleinstellungsmerkmale vorweisen, die uns von allen anderen Anbietern differenzieren. So sind wir beispielsweise nach wie vor die einzigen, die eine Steuerungsplattform im Programm haben, die auf Einsätze im Prozessbereich ebenso ausgelegt ist, wie für die Fertigungsautomation. Wir sind auch die einzigen, die eine Kommunikationsinfrastruktur mit unmodifiziertem Standard-Ethernet anbieten, quer durch unser gesamtes Portfolio. Weiterhin basieren unsere Steuerungen auf eventbasierter Kommunikation – anders als viele Wettbewerber, die nach wie vor registerbasierte Modelle anbieten. Wir haben ein Tag-System, das es uns erlaubt, Informationen und Daten bereits bei ihrer Erfassung in einen Kontext zu stellen. Außerdem stellt unsere Zusammenarbeit mit Cisco eine durchgängige Anbindung der Produktion an die Unternehmens-IT sicher.

Sie sehen sich also auf Technikseite dem Wettbewerb einen Schritt voraus?

Nosbusch: Wir haben wirklich gute Marktbegleiter. Aber ich bin der Überzeugung, dass wir ausreichend Differenzierungspotenzial aufweisen, um den größeren Mehrwert zu bieten. Zudem haben wir eine großartige Vertriebs- und Supportmannschaft, die ihr Handwerk ausgezeichnet versteht. Die Organisation ist darauf ausgerichtet, mit den Kunden nahtlos über alle Ländergrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Unsere Kunden sind, auch wenn sie keine multinationalen Unternehmen sind, in der Regel geschäftlich in verschiedenen Regionen der Welt tätig. Nur ganz wenige sind nur in Deutschland tätig, oder nur in den USA, oder nur in Brasilien. Bei allen andern steht die internationale Zusammenarbeit – sei es mit OEMs, mit Endanwendern oder mit Systemintegratoren – hoch im Kurs. Sie alle müssen Projekte auf globaler Basis vorantreiben, und das geht mit Rockwell Automation übergangslos. Das ist ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal. An dieser Stelle, davon bin ich überzeugt, sind wir besser als der Wettbewerb.

Inwieweit spielt die Verschiebung von Hardware und Technik hin zu Soft Skills wie Service, Support und Anwendungs-Know-how eine Rolle in Sachen Wettbewerbsfähigkeit?

Nosbusch: Hier lässt sich gut an Ihre vorherige Frage anschließen: Auch wenn ich gerade die Vorteile der Produkte von Rockwell Automation aufgezählt habe, tritt die reine Technik als ausschlaggebendes Kriterium für den Anwender mehr und mehr in den Hintergrund. Der Kunde erwartet, dass man als großer Anbieter auch die entsprechenden Produkte hat – wenn nicht, kommt man gar nicht erst ins Gespräch. Also ist es mehr die Frage, welchen Mehrwert man dem Kunden darüber hinaus bieten kann, welche Expertise und welches Branchen-Know-how man als Anbieter mitbringt, um dem Kunden bei der Lösung seiner Probleme zu helfen. Aber natürlich darf man die Technik keinesfalls vernachlässigen, und deshalb investieren wir nach wie vor eine Menge an dieser Stelle.

Auf welche Faktoren wird neben der Technik Ihrer Erfahrung nach am meisten geachtet?

Nosbusch: Einen Anwender in der Nahrungsmittel- oder Verpackungsindustrie interessiert es überhaupt nicht, welche Erfolge wir in anderen Branchen – und sei es der Automobilbau – vorweisen können. Er will sich auf unsere Erfahrung und Best-Practise-Beispiele aus seiner Branche verlassen können. Wenn wir seine Anwendung nicht effizienter, schneller und besser machen können, spielen unsere Erfolge in anderen Branchen gar keine Rolle. Deswegen muss unser Vertriebsteam zeigen, dass und wie wir nachvollziehbaren und messbaren Mehrwert für den jeweiligen Betrieb realisieren. Service ist heute viel mehr als das, was man klassisch darunter verstanden hat – mehr als Liefertreue und Ersatzteile. Heute reicht der Service bis hin zu Engineering- und Sicherheitsfragen. Auch in diesen Punkten benötigt man eine hohe Expertise, um alle spezifischen Anforderungen einer Anwendung entsprechend bewerten und passende Lösungen empfehlen zu können.

Woher kommt dieser gesteigerte Serviceanspruch?

Nosbusch: Zum einen kann sich der Kunde heute gar nicht mehr selbst mit all diesen Punkten beschäftigen. Er braucht Partner, die ihm dabei zur Seite stehen und ihn unterstützen. Zum anderen greifen Kunden auch bewusst auf die Expertise der Lieferanten zurück und reichen sie in der Wertschöpfungskette an den Endkunden oder Endanwender weiter. Im Resultat wollen viele Kunden gar nicht mehr selbst Automatisierungsexperten sein, sondern sich vollständig auf ihre Kernkompetenz konzentrieren. Wir bieten also mittlerweile ein viel breiteres Servicespektrum als im klassischen Sinn – inklusive tiefgehender Beratung und Engineering-Unterstützung.

Betrachtet man die Fertigung der Zukunft, so werden viele Aspekte der Automatisierung nicht mehr nur Steuerungs-, sondern vor allem Software-Fragen sein. An dieser Stelle wird sich wohl kein großer Anbieter raushalten können. Wird Rockwell Automation demzufolge mehr und mehr zum Software-Anbieter?

Nosbusch: Ja. Wir gehen diesen Weg schon seit rund zwei Jahrzehnten – 80% der Ingenieure, die wir heute einstellen, sind Software-Entwickler. Sie sorgen für die Embedded Software in unseren Komponenten und Lösungen, für die Visualisierung, für das Informationsmanagement und für alle Tools, die unser Servicespektrum umfasst. Ein großer Teil der Innovation einer Anwendung wird heute in der Software generiert. Im Umkehrschluss bedeutet das: Ja, wir sind eine Software Company! Wir machen keine Consumer Software und auch keine Unternehmens-IT, aber wir sind Anbieter von leistungsfähiger Industrie-Software und diese macht einen essenziellen und wachsenden Teil unseres Portfolios aus. Das war einer der wichtigen Entwicklungsschritte des Unternehmens Rockwell Automation. Von der Elektromechanik, hin zur Elektronik, zur Software und zum Service. Es ist ein konstanter Wandel.

Bedeutet das, dass Sie auch stärker in Konkurrenz zu den klassischen Software-Anbietern wie z.B. Microsoft treten? Gerade wenn man das Zusammenwachsen der verschiedenen Software-Ebenen von Fertigung und Unternehmens-IT betrachtet?

Nosbusch: Nein, ich glaube nicht. Denn wir bewegen uns nicht in Richtung der Unternehmenssysteme wie ERP, CRM oder Supply Change Management. Das ist nicht unsere Intention. Die dort tätigen Unternehmen machen ihren Job sehr gut. Wir wollen aber mit den ihnen sehr eng zusammenarbeiten, und tun dies auch schon heute. Wenn der Anwender sich für ein IT-System entscheidet, müssen wir Sorge tragen, dass die Anbindung zu unseren Systemen unkompliziert und durchgängig möglich ist. Unsere Strategie ist also auf Kooperation und nahtlose Schnittstellen für unsere Kunden ausgelegt und wir arbeiten mit Partnern wie Micorsoft und SAP intensiv an deren Umsetzung.

Und Sie haben keine Befürchtungen, dass die IT-Konzerne in Richtung Fertigung vordringen?

Nosbusch: Nein. Ein sehr wichtiger Aspekt bei dieser Frage ist die Echtzeit. Unternehmenssysteme laufen generell nicht in Echtzeit und deshalb machen wir uns auch wenig Sorgen, dass sie uns auf der Feldebene den Rang ablaufen. Einige haben es vielleicht versucht. Aber die Fertigung ist sehr heterogen und alles andere als monolithisch. Es wäre ein gigantischer Wandel in den Systemarchitekturen und Geschäftsmodellen der großen IT-Unternehmen erforderlich, um im Feld erfolgreich zu sein. Es ist einfach eine andere Welt. Deshalb sind wir der Überzeugung: Es ist besser Partnerschaften aufzubauen und für die entsprechende Anbindung der Systeme zu sorgen – das sehen wir als absolute Bedingung für unseren weiteren Erfolg. Egal, ob der Kunde sich für SAP, Orcale oder Microsoft entschieden hat, wir haben den passenden Anschluss. Auf den Punkt gebracht: Es gibt sicherlich einzelne Aufgaben und Tools aus der Fertigung, die zukünftig auch in Unternehmenssystemen gelöst werden können. Aber dass die IT-Anbieter die komplette Feldebene entern und übernehmen, das wird nicht passieren.

Welche weiteren Anforderungen müssen Sie zukünftig erfüllen, um als Automatisierungsanbieter weiterhin unter den weltweit führenden Unternehmen zu bleiben?

Nosbusch: Es wird darauf ankommen, unseren Kunden auch zukünftig innovative neue Produkte und Lösungen zu bieten – gerade auch softwareseitig. Zudem geht es darum, weiteren Mehrwert für die Kunden zu schaffen und auch für die entsprechende Aufmerksamkeit zu sorgen. Schlussendlich muss man natürlich auch stets offen für neue und zukünftige Technologien sein. Man darf sich nicht nur darauf konzentrieren, was man heute macht, sondern muss willens sein, den Kunden zuzuhören, dazuzulernen und nach neuen spannenden Ansätzen außerhalb des eigenen Dunstkreises Ausschau halten. Wir als Rockwell Automation haben viele ausgezeichnete Ideen, sind aber natürlich nicht die einzigen Vor- und Weiterdenker auf dem Markt.

Aus dem Hause Rockwell Automation kommt die Einschätzung, dass sich die Automatisierungstechnik in den kommenden zehn Jahren mehr verändern wird als in den vergangenen 50 Jahren. Diese Vorstellung setzt ja einiges an Flexibilität und Offenheit voraus.

Nosbusch: Richtig, man muss beweglich bleiben. Aber noch wichtiger ist es, die Fähigkeiten, die Ressourcen und die Kompetenz unserer Organisation auszubauen. Der Lernprozess hört ja nie auf, es geht um lebenslanges Lernen. Wir müssen mit der technischen Entwicklung des Marktes Schritt halten, wenn nicht sogar schneller sein. Aber es geht nicht nur um Geschwindigkeit: Gleichzeitig müssen wir die Strukturen in unserer Organisation vereinfachen. Denn das Team kann nicht immer besser und produktiver werden, wenn wir die Strukturen nicht stetig vereinfachen.

In Deutschland spricht alles von Industrie 4.0. Sehen Sie hier große Unterschiede zu Ihrer Vision vom Connected Enterprise, Herr Nosbusch?

Nosbusch: Nun ja, wir beobachten natürlich genau, was in Deutschland passiert. Es entstehen sicherlich gute Ansätze in der Industrie-4.0-Bewegung, die wir auch in das Connected Enterprise einbringen. Die einzelnen Themen sind aber sehr ähnlich: intelligente Peripherie, das Internet der Dinge, Big Data oder Cyber Security. Es gibt kleine Unterschiede, aber die Fahrtrichtung ist durchaus die Gleiche. Festzuhalten ist jedoch, dass es hier nicht um Zukunftsthemen geht. Die Vision beginnt jetzt!

Danke für das Gespräch.

Rockwell Automation USA
http://www.rockwellautomation.de

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