Maschinensicherheit 2030
Wie sieht Safety in der Zukunft aus?
Im Juli-Heft gab es anlässlich des runden Geburtstages des SPS-MAGAZINs Rückblicke auf die Automatisierungstechnik im Jahre 1988. Nun wird ein Blick in die andere Richtung des Zeitstrahls geboten: Wie wird die Maschinensicherheit im Jahr 2030 aussehen? Auf einer Veranstaltungsreihe der Schmersal Gruppe wagten sieben Experten einen Ausblick.

Worüber wird das SPS-MAGAZIN im Jahr 2030 berichten? Wird vielleicht das Thema \’Industrie 6.0\‘ die Berichterstattung beherrschen? Gibt es dann schon Unternehmen, die eine vollkommen autonome, sich selbstorganisierende Produktion verwirklicht haben? Oder werden ganz andere Formen der Steuerung und Automatisierung dominieren? Was die Sicherheit von Mensch und Maschine betrifft, gibt es recht konkrete Vorstellungen für Trends und Entwicklungen bis 2030. Präsentiert wurden sie auf einer von der Schmersal Gruppe organisierten Veranstaltungsreihe mit dem Titel \’Expertenforum: Funktionale Maschinensicherheit heute und im Jahr 2030\‘. Ziel des Forums war es, den Teilnehmern Anregungen zu vermitteln, die über den Tag hinaus reichen. Durch die Veranstaltung führte Dr. Alfred Neudörfer, Akademischer Direktor a.D. der TU Darmstadt. In seinem Eingangsvortrag erwähnte er zuerst eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung: Die Anzahl der Arbeitsunfälle hat sich in den vergangenen 20 Jahren exakt halbiert, von 51,7 Unfällen je 1.000 Vollarbeiter auf 25,84. Die Anzahl der tödlichen Arbeitsunfälle ist sogar noch stärker gesunken: von 1.208 (1990) auf 519 (2010). Davon sind 41 als Maschinenunfälle klassifiziert. Zu dieser Entwicklung haben sicherlich die Richtlinien und Normen beigetragen, aber auch neue Generationen von Sicherheits-Schaltgeräten. Dipl.-Ing. Thomas Dahmen, Leiter Produktmanagement der Schmersal Gruppe, fasste die aktuellen Trends zusammen, die sich aus seiner Sicht in der Zukunft fortsetzen werden: \“Die Sicherheitstechnik wird zunehmend im Maschinenkonzept berücksichtigt. Es wird weniger zwischen Personen- und Prozessschutz unterschieden, und neue Wirkprinzipien werden den optimierten Einsatz von Sicherheits-Schaltgeräten ermöglichen.\“

Produktnormen haben keine Zukunft

Nach Einschätzung von Dipl.-Ing. Alois Hüning (Leiter Kompetenzzentrum Werkzeugmaschinen und Fertigungssysteme der Berufsgenossenschaft Holz und Metall/ BGHM) werden bis etwa 2025 die Anforderungen an Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz sowie Energieeffizienz in einem übergreifenden Regelwerk zusammengefasst sein: \“Rechtsvorschriften werden allgemeiner und abstrakter, C-Normen werden unwichtiger.\“ Zugleich werden die Maschinen universeller und die Sicherheitsbetrachtung einer Maschine wird automatisiert ablaufen. Das ist keine Utopie: Das Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) hat in Kooperation mit Unternehmen bereits eine Software entwickelt, die diese Aufgabe übernimmt. Sie analysiert die Gefahrenbereiche einer Maschine, erkennt selbsttätig Risiken und kann normenkonforme Vorschläge zur Risikominimierung machen. Die Zukunft – so scheint es – kommt schneller als man denkt.

Unterscheidung Standard- und Sicherheitskomponente entfällt

Die zentrale These des Referates von Dipl.-Ing. Berthold Heinke, Leiter Kompetenzzentrum Elektronik der BGHM, lautete: Maschinensicherheit wird zum Software-Thema – ein Thema, das im SPS-MAGAZIN schon seit Jahren ausführlich behandelt wird. Wenn man die Entwicklung zu Ende denkt – so Heinke -, wird im Jahr 2030 die Unterscheidung zwischen Standard- und Sicherheitskomponente bedeutungslos sein: \“Es gibt dann nur noch sichere Bauteile, weil alle Komponenten konstruktiv den Anforderungen des höchsten Sicherheitsniveaus entsprechen. Eine getrennte Bewertung für die Eignung in sicherheitsrelevanten Applikationen entfällt, und die Berechnung von Zuverlässigkeitswerten sowie Begriffe wie PL, SIL etc. werden überflüssig.\“ Vorboten zu diesem Trend sieht Heinke heute schon: \“Fast jeder Antriebsregler enthält Sicherheitsfunktionen, und SPS-Systeme verarbeiten die Signale von Standard- und Safety-Komponenten im Mischbetrieb.\“ Als weiteren Zukunftstrend nannte er den Entfall der Verdrahtung von sicherheitsrelevanten Bauteilen: \“Nahezu alle Komponenten werden künftig über sichere Funksysteme kommunizieren.\“ Auch die Programmierung von sicherheitsgerichteten Steuerungen wird dann der Vergangenheit angehören: Die jeweils nötigen Software-Bausteine werden während der Verknüpfung erkannt und per Download automatisch übermittelt. Alle diese Entwicklungen werden zur Folge haben, dass die Security – das heißt, der Schutz vor Manipulation auf der Software-Ebene – stärkere Bedeutung erlangen wird.

Neue Ansätze zur Prüfpflichtigkeit

Einen Ausblick auf die künftigen Bestimmungen zur Prüfpflichtigkeit von Arbeitsmitteln und Anlagen auf der Basis von §3 der BetrSichV bot Prof. Dr. Ralf Pieper, Fachbereich Sicherheitstechnik der Bergischen Universität Wuppertal. Er stellte einen Vorschlag vor, der auf einem Projekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) beruht und die \’Ermittlung von Kriterien und Erkenntnissen zu Notwendigkeit, Art und Umfang sicherheitstechnischer Prüfungen von Arbeitsmitteln\‘ zum Inhalt hat. Für Krananlagen werden diese Erkenntnisse zurzeit beispielhaft simuliert. Zu den wichtigen Neuerungen gehört, dass hier künftig die erfahrungsbasierte Eintrittswahrscheinlichkeit von Schadensereignissen berücksichtigt wird. Die Probabilistik hält also auch Einzug in die BetrSichV.

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K.A. Schmersal Holding
http://www.schmersal.com

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