Peter Herweck erläutert im Gespräch die neue Steuerungsstrategie von Schneider Electrics EcoStruxure
„Automation Expert ist ein Gamechanger“
Automation Expert ist einer der jüngsten Bestandteile von EcoStruxure, also der IIoT-Architektur von Schneider Electric. Nachdem wir bereits im Oktober 2020 die Gelegenheit hatten, einen ersten Blick auf das hardwareunabhängige Automatisierungswerkzeug zu werfen (SPS-MAGAZIN Ausgabe 11 S.37ff. und Ausgabe 12 S.70ff.) folgte in diesem Jahr der offizielle Launch. Und während unser erster Bericht auf die Beschreibung des einzelnen Bausteins abzielte, ordnet dieser Artikel den Automation Expert im Gesamtkonzept von EcoStruxure ein und stellt die Zusammenhänge mit anderen Architekturbestandteilen her.
Die Benutzeroberfläche von EcoStruxure Automation Expert. Mithilfe von vorgefertigten Funktionsblöcken lassen sich automatisierte Anwendungen rein softwarezentriert modellieren.
Die Benutzeroberfläche von EcoStruxure Automation Expert. Mithilfe von vorgefertigten Funktionsblöcken lassen sich automatisierte Anwendungen rein softwarezentriert modellieren.Bild: Schneider Electric Automation GmbH

Im April diesen Jahres wurde Automation Expert offiziell vorgestellt. Im Zusammenhang mit diesem Launch konnten wir mit Peter Herweck, Vorstandsmitglied von Schneider Electric und weltweit verantwortlich für den Geschäftsbereichs Industrial Automation – ein Interview führen – das war im April. Wenige Tage nach unserem Interview wechselte Herweck als CEO zu Aveva, einem der größten Anbieter für Industriesoftware und seit 2017 Teil des Schneider Electric Konzerns. Das Zusammenspiel von EcoStruxure und Aveva Software ist auch Thema dieses Interviews und bietet einen kleinen Eindruck von der Integration beider Welten nach der Fusion.

Mit dem Tablet durch die Fabrikhalle. Für eine noch engere Verzahnung von IT und OT setzt Schneider Electric fortan auf hardwareunabhängige Automatisierung.
Mit dem Tablet durch die Fabrikhalle. Für eine noch engere Verzahnung von IT und OT setzt Schneider Electric fortan auf hardwareunabhängige Automatisierung.Bild: Schneider Electric Automation GmbH

Was ist eigentlich EcoStruxure?

EcoStruxure heißt die IIoT-Architektur von Schneider Electric. Durch Eigenentwicklungen und strategische Zukäufe ist im Laufe der Jahre eine mächtige Lösungssuite für die industrielle Digitalisierung und Automatisierung für OEMs und Endanwender zahlreicher Branchen gewachsen. Herweck beschreibt dies wie folgt: „EcoStruxure ist eine Architektur, mit der die großen Trends in der Industrie, der Gebäudetechnik, der Energietechnik und in der IT-Branche, bestmöglich und so einfach wie möglich umgesetzt werden können. Um die immer größer werdenden Herausforderungen mit Partnern lösen zu können, braucht man eine Architektur, welche auf offenen Standards basiert und die eine einfache Kommunikation über die verschiedenen Ebenen erlaubt. Unsere Antwort darauf ist die bereits im zwölften Jahr existierende Architektur Ecostruxure.“

 Peter Herweck, Vorstandsmitglied von Schneider Electric
(seit Mai 2021 CEO von Aveva)
Peter Herweck, Vorstandsmitglied von Schneider Electric (seit Mai 2021 CEO von Aveva)Bild: Schneider Electric Automation GmbH

Die Langfriststrategie

In großen vernetzten Systemlandschaften werden an vielen Stellen schnelle logische Verknüpfungen benötigt. In der klassischen Automatisierung übernimmt dies eine SPS-Hardware. In der Ecostruxure-Welt von Schneider Electric kommt für diese Aufgabe der Automation Expert zum tragen. Damit sollen im Endausbau heterogene Landschaften in Hinsicht auf unterschiedliche Technologien und Hersteller und somit auch breitere Kundenzielsegmente, also auch Branchen, abgedeckt werden. Herweck erläutert: „Vor etwas mehr als zwei Jahren haben wir den Entschluss gefasst, eine einheitliche Automatisierungslösung für alle Anwendungen von der Prozesswelt bis in die Fertigungsautomatisierung aufzusetzen, dass auch höchste Ansprüche bezüglich Motion und Safety erfüllt. Das ist heute noch nicht alles mit dem Automation Expert möglich, wir wissen aber, dass es möglich sein wird, und werden es Schritt für Schritt umsetzen. Am Ende steht ein System, mit dem man alle Disziplinen in einem Engineeringwerkzeug abdeckt und das unseren Kunden einen erheblichen Vorsprung bei der Engineeringeffizienz verschafft, weil wir es mit genau diesem Ziel entwickelt haben. Neben der Effizienz geht es natürlich auch um Skalierbarkeit und somit proaktiven Investitionsschutz seitens unserer Kunden.“

 Die Benutzeroberfläche von EcoStruxure Automation Expert. Mithilfe von vorgefertigten Funktionsblöcken lassen sich automatisierte Anwendungen rein softwarezentriert modellieren.
Die Benutzeroberfläche von EcoStruxure Automation Expert. Mithilfe von vorgefertigten Funktionsblöcken lassen sich automatisierte Anwendungen rein softwarezentriert modellieren.Bild: Schneider Electric Automation GmbH

Entkopplung von Hard- und Software

Mit Automation Expert trennt Schneider Electric die Steuerungssoftware von der Hardware und öffnet diese gleichzeitig für andere Anbieter – durchaus auch Wettbewerber. „Wir bieten mit Automation Expert eine Steuerungssoftware an, die auf den unterschiedlichsten Hardwareplattformen laufen kann und die nicht nur mit Schneider Electric-Hardware funktioniert. Das fängt an mit einem Raspberry Pi, geht hin zu modernen intelligenten E/A-Systemen bis hin zu IPCs von Firmen wie z.B. Beckhoff oder auch SPS-Hardware von großen Mitbewerbern im SPS-Markt. Das entspricht der grundsätzlich offenen Philosophie von Schneider.“

Gamechanger Automation Expert

Automation Expert ist aber nicht einfach nur eine neue Software-SPS. Herweck beschreibt die neue Steuerungssoftware als „echten Gamechanger“. Dafür nennt er zunächst einmal drei Gründe: „Unsere Kunden wollen nicht die nächste Legacy installieren, sondern sie wollen etwas fundamental, etwas übergreifend Neues. Wenn jemand einen IPC oder eine PLC von einer Firma ‚abc‘ kaufen will und möchte den Automation Expert darauf laufen lassen, dann wird das funktionieren – sicher nicht mit allen Herstellern, aber ich denke, diese Wahl sollte man dem Kunden überlassen. Der zweite große Gamechanger-Bonus ist unsere Engineering Effizienz: Wir können sagen, dass wir den Engineering-Aufwand in vielen Fällen halbieren, in einigen Disziplinen sind wir sogar drei bis fünffach schneller! Wir haben verschiedene Bespielapplikation von Experten der jeweiligen Systeme programmiern lassen. Das war das Resultat. Der dritte große Vorteil ist die Tatsache, dass wir uns vom Standard 61131-3 lösen. Mit der Unterstützung der IEC61499 kommt die objektorientierte Programmierung ins Feld, was erhebliche Vereinfachungen und Beschleunigungen ermöglicht. Und als weiteren Punkt haben wir mit Automation Expert eine nahtlose Integration in die Softwarewelt von EcoStruxure und der Aveva System Platform, früher Wonderware, erreicht, die sich allen Anwendern mit einem Mausklick erschließt. Damit eröffnen sich Anwendern auf einfachste Art und Weise enorme Benefits für ihre Applikationen. Dies alles bringt Automation Expert mit.“

Softwarearchitektur

„Das System ist modern ausgelegt und sowohl als Cloud- als auch Onpremislösung verfügbar“, erläutert Herweck. „Wir haben auf eine Architektur gesetzt, die auf Docker-Containern basiert, sodass das System ohne weiteres auf einer Hardware zu implementieren ist, sofern sie gewisse Anforderungen erfüllt. Natürlich validieren wir diese Hardware, weil kein Kunde hier Überraschungen erleben möchte. Wir haben bereits Komponenten von Advantec, Beckhoff, Hilscher, Raspberry PI, Revolution Pis, Systeme von Rockwell, von Siemens und anderen getestet. Das interessante ist, das es nicht unbedingt eine SPS-Hardware sein muss oder ein IPC: Das System kann auch auf Antrieben oder auf Messgeräten laufen. Entscheidend ist, dass Mikroprozessor und Processingpower stimmen. Aber dann spricht nichts dagegen Automation Expert auch auf einem Frequenzumrichter laufen zu lassen. Wir haben das beispielsweise in unserem Logistikcenter so umgesetzt“, erläutert Herweck und ergänzt: „Auch deshalb ist das System aus meiner Sicht ein Gamechanger: Fällt einer der Antriebe aus, auf dem die Steuerung läuft, arbeitet das System störungsfrei weiter, weil ein anderer Antrieb die Steuerungsaufgabe nahtlos übernimmt. Man muss also die Automatisierungsarchitektur ein bisschen anders denken, profitiert dann aber enorm von dieser Lösung.“

Zusammenspiel

Mit der Einbindung von Automation Expert in die Gesamtlösungsstrategie EcoStruxure entstehen in der einfachen Orchestrierung von Softwarebausteinen im Schneider Electric-Angebot neue Möglichkeiten. Die Integrationsarbeit hat Schneider Electric seinen Anwendern in vielen Fällen bereits abgenommen, wie Herweck verdeutlicht: „Als wir vor vielen Jahren Invensys übernommen haben, war die Verbindung von Wonderware mit einer Modicon-Steuerung eher schwierig, wohingegen die Integration mit Rockwell- oder Siemens-Steuerungen einfach war. Heute ist die Verbindung von Wonderware mit Rockwell- oder Siemens-Steuerungen immer noch einfach, aber noch einfacher geht es mit Schneider Electric-Steuerungen, weil wir natürlich intensiv daran gearbeitet haben und die Internas kennen. Und diese einfache Integration hat viele Vorteile: Wir berühren hier Bereiche, in denen es nicht nur um Visualisierung geht, sondern auch um Themen wie Simulation, Digital Twin Engineering usw. Mit der Fusion von Schneider Electric und Aveva haben sich darüber hinaus die Möglichkeiten nochmals erheblich erweitert. So steht mit der Predictive Analytics Software Prism nun ein Tool zur Verfügung, mit dem man Fehler vorhersagen kann, bevor die Anlage stillsteht. Mit OSIsoft wiederum steht bei Schneider Electric ein Tool zur Verfügung, mit dem Industrieunternehmen auf der Grundlage des besten Datenrepositories der Welt ihre Performance verbessern können. Performance Intelligence nennen wir die Verbindung von Domain-Know-how mit Artificial Intelligence. Damit bekommen unsere Kunden einfachen Zugriff auf sehr mächtige Werkzeuge.“

Wechselkosten

Heute steckt in vielen Engineeringsystemen sehr viel Know-how von Unternehmen. Ein Steuerungssystem zu wechseln hat daher erhebliche Folgen, auch in Bezug auf Kosten. Warum sollte ein Anwender also zu Automation Expert wechseln, frage ich Peter Herweck: „Kosten in der Automatisierung entstehen heute vor allem im Engineering. Es ist eben teuer, sich ein ineffizientes Engineering zu leisten, umgekehrt kann man mit dem auf Effizienz optimierten Engineering von Automation Expert viel Zeit und Geld sparen, da sind wir super wettbewerbsfähig. Wir überzeugen damit Kunden und auch unsere zahlreichen Systemintegratoren.“ Und Herweck gibt noch eines zu bedenken: „Die innovativen Möglichkeiten der Digitalisierung zu verpassen kann am Ende auch teuer werden. Es zeigt sich schon seit längerem, dass Unternehmen für die Bewältigung der Herausforderungen in allen Industriebranchen – sei es beispielsweise Covid19 oder Klimawandel – eine umfassende Digitalisierungsstrategie mit umfassenden Werkzeugen benötigen. Automation Expert ist die Steuerungslösung in EcoStruxure und damit Teil einer integrierten, digitalen Gesamtlösung. Und die innovativen Möglichkeiten mit Aveva kommen da noch oben drauf, wie z.B. die Verbindung zum Visualisierungsabgebot in der Cloud oder der künstlichen Intelligenz mit Insight.“

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