Stimmen der Automatisierungsbranche zur aktuellen Bauteilversorgung
Da geht es anderen Branchen schlechter
Längere Lieferzeiten, steigende Preise, Produktionsausfall bei Automobilbauern - wer die Meldungen neben Corona, Afghanistan und Klimawandel liest stellt schnell fest, dass der deutschen Industrie Ungemach droht. Wir haben bei Automatisierungsherstellern nachgefragt, wie die Lage dort derzeit ist.
Bild: ©Björn Wylezich/stock.adobe.com

Da hat man einen veritablen Aufschwung, und schon droht den Unternehmen eine Rohstoffknappheit die Stimmung zu verderben. Ein in der Regel gut zweistelliges Auftragsplus bei Maschinenbauern und Automatisierern: Grund für Jubelstimmung gäbe es schon. Doch zum Einen ist es gar nicht so einfach, die Produktion unter Abstands- und Hygienemaßnahmen in den Werkhallen so rasant hochzufahren wie es nötig wäre. Und zum Anderen stecken wir aktuell in einer globalen Mangelwirtschaft. Neben Corona-bedingten Produktionsausfällen in Grundstoffindustrien macht die Verknappung der Frachtkapazitäten der Weltwirtschaft zu schaffen. Die Fachverbände ZVEI und VDMA warnen. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Peter Adrian, spricht gar von einem „großen Problem“.

Und tatsächlich, um die Rohstoffe sieht es derzeit nicht gut aus: Europas größter Stahlhersteller Thyssenkrupp spricht von einem „Stahlengpass in Europa“, weswegen Stahl auch deutlich teurer wurde. Die Kautschuk-Preise haben sich mehr als verdoppelt, bei Kunststoffgranulat sieht es ähnlich aus. Der Engpass an Halbleitern sorgt bei Automobilherstellern weltweit immer wieder für Produktionsausfälle. Aktuell musste Toyota seine Produktion laut Finanzzeitung ‚Nikkei‘ um 40% herunterfahren, 27 von 28 Montagebändern in den 14 japanischen Fabriken wurden zeitweise stillgelegt. In Deutschland gab es ähnliche Fälle.

Die Halbleiterbranche weiß durchaus 
zu schätzen, dass der Industriebereich ein 
sehr stabiler und langfristiger Markt 
mit guten Margen ist.
Hans Beckhoff, geschäftsführender Gesellschafter von Beckhoff Automation"Die Halbleiterbranche weiß durchaus zu schätzen, dass der Industriebereich ein sehr stabiler und langfristiger Markt mit guten Margen ist."
Hans Beckhoff, geschäftsführender Gesellschafter von Beckhoff Automation
Die Halbleiterbranche weiß durchaus zu schätzen, dass der Industriebereich ein sehr stabiler und langfristiger Markt mit guten Margen ist. Hans Beckhoff, geschäftsführender Gesellschafter von Beckhoff Automation“Die Halbleiterbranche weiß durchaus zu schätzen, dass der Industriebereich ein sehr stabiler und langfristiger Markt mit guten Margen ist.“ Hans Beckhoff, geschäftsführender Gesellschafter von Beckhoff Automation – Bild: Beckhoff Automation & Co. KG

Die Lage der Automatisierer

Doch betrifft das alles auch die Automatisierungsbranche? Das SPS-MAGAZIN hat bei wichtigen Unternehmen der Branche nachgefragt. Die Antworten sind durchaus aufschlussreich, wenngleich manche Firmen es bei diesem Thema vorgezogen haben, nicht zu antworten – womöglich aus Sorge, als unzuverlässiger Lieferant dazustehen? Das ist wohl nicht der Hauptgrund. Der Geschäftsführer eines Antriebstechnik-Herstellers begründete im Telefonat seine Zurückhaltung damit, dass die Lage zu volatil sei. Antworten, die er jetzt gebe, könnten bei Erscheinen des Heftes bereits wieder veraltet sein, weil sich die Liefersituation so schnell ändere. Und auch das ist ja eine wertvolle Aussage: Die Lage ist unübersichtlich.

Dass es für Automatisierungs-Hersteller eine Herausforderung ist, scheint allerdings klar: „Hier sind alle genannten Bereiche betroffen. Die Lieferzeiten haben sich zum Teil sprunghaft erhöht – in einigen Fällen um mehr als zwölf Monate“, konstatiert Thomas Peters, Leiter Applikationsvertrieb bei KEB Automation. „Lieferausfälle treten unter anderem bei Halbleitern auf und sind problematisch, da die Distributoren teilweise nicht rechtzeitig durch den Hersteller beliefert werden.“ Dass die Lage außergewöhnlich ist, bestätigt auch Dr. Gunther Kegel, CEO von Pepperl+Fuchs: „Ja, wir leiden unter deutlich längeren Lieferzeiten und abnehmender Liefertreue in vielen Halbleiterbereichen, besonders aber im Bereich von Leistungshalbleitern und Mikrocontrollern. Einen derartigen Versorgungsengpass hatte ich in 31 Jahren Automation noch nicht erlebt.“

Doch nicht nur Halbleiter sind betroffen, wie Dr. Christian von Toll, Geschäftsführer Weidmüller Deutschland bestätigt: „Tatsächlich sind einige Materialien sehr knapp. Dies trifft uns vor allem im Bereich der Rohstoffe und Vormaterialien wie Kunststoff und Metalle.“ Auch bei elektronischen Bauteilen sei sehr flexibles Handeln erforderlich. Christian Wolf, Geschäftsführer von Turck ergänzt: „Die Rohmaterialversorgung ist derzeit in jederlei Hinsicht herausfordernd. Das betrifft nicht nur die elektronischen Bauelemente, sondern auch Granulate oder Metalle.“

"Einen derartigen Versorgungsengpass im Bereich von Leistungshalbleitern und Mikrocontrollern hatte ich in 31 Jahren Automation noch nicht erlebt." 
Dr. Gunther Kegel, CEO von Pepperl+Fuchs
„Einen derartigen Versorgungsengpass im Bereich von Leistungshalbleitern und Mikrocontrollern hatte ich in 31 Jahren Automation noch nicht erlebt.“ Dr. Gunther Kegel, CEO von Pepperl+FuchsBild: Pepperl+Fuchs Vertrieb Deutschland GmbH

Ausgangslage besser als befürchtet

Allerdings sehen sich die meisten Befragten gut gerüstet für die Situation. „Wir haben sehr davon profitiert, dass wir die Läger in 2020 nicht heruntergefahren haben“, führt Christian Wolf aus. „Uns war klar, dass das Geschäft nicht auf dem Niveau von 2020 bleiben wird, weshalb wir mit einem zweistelligen Wachstum in 2021 geplant haben. Dass die Nachfrage jetzt so stark steigt, hat aber auch unsere Erwartungen übertroffen. Trotzdem hat uns unser guter Lagerbestand, nicht nur an Fertigwaren, sondern auch an Rohmaterial, sehr geholfen.“ Laut Hans Beckhoff, geschäftsführender Gesellschafter von Beckhoff Automation, hat die Automatisierungsbranche auch keine Nachteile gegenüber anderen, größeren Branchen: „Ja, auch bei uns ist der Bereich Halbleiter am stärksten betroffen. Die Halbleiterbranche weiß aber durchaus zu schätzen, dass der Industriebereich ein sehr stabiler und langfristiger Markt mit guten Margen ist. Dieser Markt wurde gerade im vergangenen Jahr seitens der Halbleiterindustrie intensiv weiter aufgebaut. Außerdem ist z.B. Beckhoff als reiner Elektronikhersteller mit einem Umsatz von mehr als 1Mrd.€ im Jahr 2021 ein auch im Volumen interessanter Kunde für diese Zulieferanten.“

Ganz so einfach ist es wohl nicht überall. „Wir sind aufgrund unserer geringen Stückzahlen sicher kein A-Kunde und müssen häufig Allokationen, also Zuteilungen akzeptieren“, erklärt Dr. Kegel. „Auf der anderen Seite können unsere Probleme auch mit kleineren Mengen durchaus entschärft werden.“ Insgesamt sind sich die Befragten einig, dass die Situation bei Microchips und elektronischen Bauelementen für die nächsten Monate angespannt bleiben wird. Im Halbleiterbereich werde uns das Schlimmste wahrscheinlich noch bevorstehen, nach aktuellen Prognosen der Hersteller soll dies im vierten Quartal diesen Jahres der Fall sein, so Christian Wolf. „Natürlich haben Großkonzerne allein schon aufgrund ihres Einkaufsvolumens einen anderen Verhandlungshebel“, so Dr. von Toll. „Aber wir setzen auf unsere langjährigen und vor allem vertrauensvollen Lieferantenbeziehungen.“ Dass das zu klappen scheint, zeigt die Tatsache, dass im Gegensatz zu Automobilisten und Consumer-Elektronik-Herstellern bei den Automatisierern bislang noch kein Werk stillstehen musste. Am Ende der Nahrungskette seht die Branche also nicht.

Redesigns zum Teil nötig

Das heißt nicht, dass es ohne Komplikationen laufen würde. Hans Beckhoff bestätigt: „Aktuell verlängern sich die Lieferzeiten, allerdings können wir nach wie vor alle Produkte ausliefern.“ Und auch Thomas Peters von KEB konstatiert: „Bei einigen unserer Produkte verzögert sich die Lieferzeit aufgrund fehlender Bauteile. Wir versuchen unsere Lieferfähigkeit z.B. dadurch aufrechtzuerhalten, indem wir auf ähnliche Komponenten oder auch höherwertige Alternativen ausweichen.“ Das könnten dann fallweise Stecker in einer anderen Farbe sein, oder Prozessoren mit höherer Leistung. „Unsere Lieferfähigkeit hat sich deutlich verschlechtert, aber bisher konnten die Lieferungen des gesamten Portfolios noch aufrechterhalten werden“, spricht Dr. Kegel für Pepperl+Fuchs und Dr. von Toll ergänzt für Weidmüller: „Wie überall zu beobachten müssen auch wir unsere Lieferzeiten an die Situation anpassen. Das ist zum einen der Materialsituation geschuldet, zum anderen sind die Bestelleingänge vieler Orte sehr hoch. Was hilft ist eine enge Abstimmung mit unseren Kunden, wo wir in Einzelfällen auch auf alternative Produkte hinweisen, um die hohen Bedarfe zu decken.“

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