01.10.2014

Robotermarkt in China:

Vom Verkäufer zum Enabler

Die Volksrepublik China hat sich im vergangenen Jahr zum weltweit größten Abnehmer für Industrieroboter entwickelt und hält damit rund ein Fünftel des globalen Marktes. Mit einem Zuwachs von mehr als 60% auf 37.000 gekaufte Einheiten liegt das Reich der Mitte weit vor den klassischen Roboternationen Japan mit rund 26.000 und den USA mit etwa 24.000 Maschinen. Ein Ende des rasanten Wachstums ist vorerst nicht in Sicht.

Autoren: Ke Qin, Chinabrand Consulting LTD;
Robert Zehetbauer, Chinabrand Consulting LTD.


Bild 1: Anhui Efort Intelligent Equipment Co., Ltd.
Bild: Chinabrand Consulting LTD

Der Nachholbedarf der Volksrepublik ist enorm. So kamen 2012 in China gerade einmal 23 Roboter auf 10.000 Arbeiter, in Südkorea waren es 396. Experten erwarten, dass die international tätigen Roboterhersteller ihren Absatz nach China bis zum Jahr 2020 auf dann 110.000 Maschinen verdreifachen werden.

Upgrade der Industrie

Das Wachstum der chinesischen Robotik hat mehrere Treiber. Wichtige Faktoren sind der demografisch bedingte Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung, steigende Lohnkosten, das Fehlen fortschrittlicher Technik und die zunehmende Konkurrenz durch Schwellenländer mit einem niedrigen Lohnniveau. Auch die neue asiatische Freihandelszone, die 2015 vollständig in Kraft tritt, führt zu einer Intensivierung des Wettbewerbs und zwingt die asiatischen Staaten zu Modernisierung, Rationalisierung und Automatisierung. Länder wie Thailand, Malaysia, Indonesien oder Vietnam versuchen, sich gegen die chinesische Konkurrenz zu behaupten und automatisieren ihre klassischen Industrien. Die zunehmende asiatische Konkurrenz ist einer der Hauptgründe für den Wechsel der Chinesen von der Handarbeit zur automatisierten Fertigung. Mit Hilfe von Robotern sollen Produktqualität und Effizienz im internationalen Wettbewerb deutlich steigen. Vor diesem Hintergrund haben deutsche Hersteller von Industrierobotik, die sich im chinesischen Markt engagieren, ausgezeichnete Chancen. Das Gleiche gilt für den ASEAN-Raum, interessante Ziele sind dort derzeit Thailand, Vietnam und Indonesien. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 70% aller in China verkauften Roboter aus dem Ausland, etwa 80 % der Maschinen waren schnelle Mehrfachgelenkroboter mit hochentwickelter Technik. Chinesische Anbieter haben noch immer Probleme mit der Geschwindigkeit, der Systemintegration sowie der Programmierung und Wartung. Obwohl der aktuelle Fünfjahresplan ein weitgehendes Upgrade der klassischen Industrien vorschreibt, fehlt es in der Volksrepublik an High-end-Produkten und Innovationen.

Spezifische Marktsegmente und Regionen

Besonders in der Fertigungstechnik und der Montage steigt die Nachfrage nach hochwertigen Robotiksystemen westlicher Unternehmen. Die wichtigste Abnehmerbranche ist die boomende chinesische Automobilindustrie, die für rund 60% der Roboternachfrage verantwortlich ist. Doch auch in der Unterhaltungselektronik, im Schiffbau, in der Chemie, bei Herstellern von gewerblichem Sprengstoff und in der Verteidigungsindustrie werden Qualitätsroboter benötigt. Chinesische Unternehmen planen zudem verstärkt, giftige Produkte und gefährliche Arbeiten entweder ausschließlich von Maschinen oder durch hybride Systeme unter menschlicher Aufsicht erledigen zu lassen. Besonders beim Schweißen, Löten, Schleifen, Polieren sowie in der Bearbeitung von Automobilkomponenten fehlt es chinesischen Herstellern an entsprechender Industrierobotik. Hoch entwickelte deutsche Robotik ist entsprechend begehrt. So sollen nach den Leitlinien des Ministry of Information and Industry (MIIT) beispielsweise Servomotoren, Servoantriebe, Präzisionsbremsen und Sensoren für Roboter deutlich verbessert werden. Dazu sollen chinesische mit ausländischen Unternehmen kooperieren. Richtungsweisend ist das geplante Joint Venture der Firma Reis mit dem chinesischen Werkzeugmaschinenhersteller Yawei. Das Gemeinschaftsunternehmen erhält von Reis die Lizenz zur Fertigung und zum Vertrieb von verschiedenen Produktfamilien aus dem Roboterprogramm von Reis für den chinesischen Markt. Darüber hinaus soll das gemeinsam geführte Unternehmen in China den Vertrieb, das Engineering und den Bau von Automatisierungsanlagen in den Marktsegmenten Schweißen und Handhabung sowie im Kunststoffsektor übernehmen. Schwerpunktregionen für Industrierobotik sind der gesamte Nordosten Chinas, speziell die Metropolregion Shenfu New City (ein Zusammenschluss der Städte Shenyang und Fushun), die Städte Tangshan und Harbin sowie die Städte Tianjin, Qingdao und Chongqing. In Shenfu New City soll auf einer Fläche von 5km² bis Ende 2017 ein internationales Forschungs- und Produktionszentrum für hochentwickelte Industrierobotik entstehen. Deutsche Unternehmen sollten besonders den Großraum Shanghai als eines der zukünftigen Fundamente der chinesischen Robotikindustrie sowie die Stadt Changzhou (Schwermaschinenbau, Solartechnik oder Metallverarbeitung) und die Provinz Jiangsu (Schweiß- und Verpackungsroboter) im Auge behalten. Diese Regionen sind auch deswegen so interessant, da den westlichen und chinesischen Unternehmen nach dem zwölften Fünfjahresplan Steuervergünstigungen und politische Anreize für Investitionen geboten werden. Rechtliche Barrieren, beispielsweise bei öffentlichen Ausschreibungen, sind in der Robotikbranche nicht anzutreffen.

Verbesserung des Vertriebs und Systemintegration

Deutsche Roboterhersteller sollten sich in China als Innovator und Enabler positionieren, nicht nur mit attraktiven Produkten, sondern auch mit Kooperationen und hochwertigen Dienstleistungen. Dadurch bieten sie chinesischen Unternehmen entscheidenden Mehrwert und setzen sich vom Wettbewerb ab. Erbrachte Dienstleistungen müssen nicht zwingend in einem technischen Zusammenhang mit den Maschinen stehen, für den Kunden aber eine geschlossene Problemlösung darstellen. Unabdingbar ist, die Anforderungen chinesischer Unternehmen vor Ort zu ermitteln. Dafür eignen sich explorative Feldforschung, Befragung chinesischer Experten, Interviews bei Anwendern und die Durchführung von Fokusgruppen. Auch das Benchmarking hat sich als fruchtbar erwiesen. In Sachen Robotik ist China noch eine Servicewüste. Klassische Basis- und Standardservices sind Lieferung, Lagerung, Montage, Installation, Inbetriebnahme, Modifikation, Reparatur, Wartung, Reinigung sowie Entsorgung und Recycling von Robotern. Zu den Premiumdienstleistungen zählen Planung, Projektierung, Finanzierung, Assistenz im Betrieb, Beratung, Schulung und Training, Informationsmanagement, F&E sowie Software zur Fabrikoptimierung. Auch moderne Medien wie Tablet-PC oder Smartphone sowei das Internet spielen bei Premiumdienstleistungen eine immer größere Rolle. Serviceportale ermöglichen nicht nur das Auslesen von Daten über Diagnoseschnittstellen und den direkten Informationsaustausch mit dem Kunden, sondern auch akkreditierte Online-Fortbildungen für Kundenpersonal. Daneben gewinnen Finanzdienstleistungen wie Ratenzahlung, Verpfändung, Vermietung oder Verpachtung von Robotiksystemen an Bedeutung.

Anzeige