Herausforderungen und Lösungen für die Zukunft

Smart Devices als Fenster in die Produktion

Pads, Tablets und Smartphones ziehen in die industrielle Automatisierungstechnik ein. Damit sind eine ganze Reihe von Fragen für die Praxis verbunden: von den Anwendungsbereichen über die Geschäftsmodelle bis hin zur industriellen IT-Sicherheit. Darüber und über noch viel mehr haben fünf Experten auf dem 'Forum Industrial IT' auf der Hannover Messe gemeinsam diskutiert. Lesen Sie hier Teil I des Gespräches.


Bild 1: Moderator Martin Buchwitz im Gespräch mit den Teilnehmern der Diskussionsrunde anlässlich des 'Forum Industrial IT'
Bild: Bosch Rexroth AG

Fünf Experten haben im Rahmen des Forums Industrial IT über den Einsatz der Smart Devices in der Produktion diskutiert. Chancen, Risiken und Potenziale waren die Themen, die Prof. Claus Oetter vom VDMA, Klaus Bauer von Trumpf Werkzeugmaschinen GmbH + Co. KG, Andreas Beu von Smart HMI, Joern Kowalewski von der macio GmbH und Norbert Sasse von Bosch Rexroth gemeinsam bewegt haben.

Die Chancen

Joern Kowalewski von der macio GmbH sieht die große Chance, dass selbst angelernte Mitarbeiter mit Smart Devices in der Produktion sehr gut zurechtkommen, da sie sich auf einer bekannten Umgebung und Oberfläche bewegen. Für Klaus Bauer von Trumpf lösen sich mit den mobilen Geräten die festen Ortsabhängigkeiten der Bedienung auf einmal auf. "Ich prognostiziere, dass sich die Bedienung der Zukunft vollständig verändern wird", so sein Statement. Durch die Möglichkeit, orts- und bedarfsgerechte Daten zur Verfügung zu stellen, steigt für ihn auch die Qualität der Bedienung und damit die Effizienz im Bedienprozess. Für Prof. Claus Oetter vom VDMA liegt ein weiterer Vorteil in der Nutzung der Sensorik, die von den Smart Devices bereits mitgeliefert wird: "Ich habe ein Kamerasystem und kann damit den Servicemitarbeiter in der Firma mit Bildmaterial versorgen. Ich habe alle möglichen Kommunikationskanäle, bis hin zu 'Near Field Communication'. Dies ermöglicht ganz neue Arbeitsweisen, die früher gar nicht an der Maschine möglich waren. Damit kann ich dies jetzt auch wirklich zur Analyse nutzen und die Mitarbeiter zuhause entsprechend mit Zusatzinformationen versorgen. Im Grunde entsteht also ein effektiveres Arbeiten vor Ort." Norbert Sasse von Bosch Rexroth setzt auf die Software: "Denn es ist doch die Software, die heute Anlagen und Maschinen prägt, die Intelligenz in die Maschinen einbringt und wovon die Wettbewerbsfähigkeit zunehmend abhängt - da wird es richtig spannend werden. Wenn man erkennt, dass man Software auch für die Automatisierung auf kleine Geräte bringen kann. Da fängt auch die eigentliche Kreativität an, das Denken, 'Mensch, was kann ich mit den Geräten in der Produktion eigentlich alles machen?.' Ergänzend zu den bereits genannten Aspekten, sieht Andreas Beu von Smart HMI sieht einen großen Vorteil darin, dass die Geräte ständige Begleiter sind. "Für Sie als Maschinen-/Anlagenbauer ist das ein wunderbarer Weg, Ihre Maschinen, Anlagen und Automatisierungskomponenten an den Kunden und Nutzer heranzubringen. Eine engere Kundenkommunikation als über die Smart Devices können Sie eigentlich gar nicht erreichen."

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Risiken und Herausforderungen

Natürlich bringt die Nutzung der Smart Devices nicht nur Chancen, sondern auch Risiken mit sich. Für Klaus Bauer von Trumpf braucht es klare Architektur- und Systemkonzepte, um das Ganze beherrschbar zu machen: "Wir haben heute um die Produktionssysteme Schutzeinrichtungen wie z.B. Lichtschranken, codierte Schutztüren usw. platziert, um die Menschen zu schützen und bei Bedarf einen 'Nothalt' der Anlage auszulösen. Durch den Einsatz von mobilen Geräten zur Steuerung der Maschinen könnten Gefahrensituationen entstehen, die es bei rein stationären Bediensystemen bisher nicht gab. Diese gilt es durch geeignete Konzepte zu verhindern." Andreas Beu von Smart HMI zielt auf die Apps ab und sieht dort die Notwendigkeit, diese auch tatsächlich auf die industrielle Nutzung anzupassen. Ein weiterer Aspekt aus seiner Sicht: "Mit den Smart Devices habe ich es mit Geräten zu tun, deren Hersteller die Industrie, wenn überhaupt, nur sehr am Rande auf dem Schirm haben. Diese Hersteller sind für mich als Industrieunternehmen nicht die Ansprechpartner - das muss mir klar sein. Ich habe hier mit der Technologie zu tun, die auf ganz anderen Märkten entwickelt wird, und die für die Industrie adaptiert werden muss. Aber genau das passiert momentan in unserer Branche: es entstehen neue Anbieter, Werkzeuge und Services, die die Smart Devices in die Automatisierung bringen" Prof. Oetter zielt auf die Apps ab: "Es ist eine Software-Entwicklung, genau wie jede andere, mit den gleichen Qualitätsstandards. Ich habe noch das Problem, dass ich in vielen Fällen noch einen dritten Mann mit an Bord habe, wenn ich über die traditionellen Stores gehe. Generell muß ich einige Überlegungen anstellen, bevor ich mit einer App-Entwicklung beginne: Brauche ich wirklich diese App? Wenn ja, welche brauche ich? Welche Randbedingungen muss sie haben? Ist es überhaupt ein Geschäftsmodell und wenn ja, was kostet das? Diese Planung muss so geschehen, als ob ich ganz normale Software plane. Da liegt für mich eine Gefahr darin, das man einen Schnellschuss wagt und dann bei einem Mißerfolg auf einmal die Erde verbrannt ist und niemand mehr etwas über Apps wissen will." Norbert Sasse von Bosch Rexroth sieht den Aspekt einer erforderlichen Strategie bei einer schnelllebigen und dynamischen Technologie: "Momentan besteht das Risiko, dass die Technologien der Smart Devices einer sehr dynamischen Entwicklung mit kurzen Produktlebenszyklen unterworfen sind. Alle Gerätehersteller bringen jedes Jahr eine neue Produktreihe heraus, die eine hohe Abhängigkeit zum Betriebssystem haben. Dies unterscheidet sich grundlegend von der bekannten Welt der Windows-PCs. Dort kann man einen PC kaufen und das gewünschte Betriebssystem aufspielen. So etwas geht mit Smart Devices nicht, da die Software eng mit der Hardware verwoben ist. Deshalb muss man sich bei der Softwarestrategie überlegen: Wie bringe ich meine App zum Kunden? Das gesamte Product Lifecycle-Management sehe ich als ein wichtiges Thema, mit dem sich der Maschinenbau unbedingt im Vorfeld beschäftigen muss."

Die Anforderungen an den industriellen Einsatz

Joern Kowalewski von der macio GmbH geht gleich in die Praxis, wenn es um die konkreten Anforderungen an die Smart Devices im Produktionsumfeld geht: "Ich kenne da ein sehr schönes Beispiel aus dem Druckmaschinenbau. Im Tiefdruck haben Sie manche Maschinenbereiche, die sind unter Ex-Schutz zu stellen, da sie mit Farben, Lösungsmitteln usw. arbeiten. Just an diesen Stellen möchte man natürlich manchmal auch bedienen, denn man möchte sehen, ob beispielsweise die Farbe richtig einläuft. Da gibt es heute richtig teure, am Schlauch hängende Bedientasten. Richtig Ex-geschützte Smartphones gibt es nicht. Wenn es die gäbe, würde das einige tausend Euro kosten. Da gibt es einen gewissen Kontrollverlust: Jedes Gerät, das funktioniert, wird eingesetzt werden, ob es nun gerade explosionsgeschützt ist oder nicht." Klaus Bauer von Trumpf sieht, dass die Produkte aus der Consumer-Welt robuster werden: "Noch ein zweiter Gedanke: Es ist einfach selbstverständlich, dass ich auf so ein Gerät persönlich aufpasse, weil es mir persönlich zugewiesen ist oder es mir vielleicht sogar persönlich gehört. Mitarbeiter, die auf ihre Arbeitsmittel verantwortlich achtgeben, die sorgen auf eine neue Art und Weise dafür, dass die physische Robustheit bezüglich der industriellen Anforderungen in vielen Fällen schon heute ausreichend ist. Aber auch die zugehörigen Softwaremodule - die sogenannten Apps - müssen robust sein. Hier besteht in vielen Fällen noch Nachholbedarf. Es reicht in der Regel nicht aus, die Funktionen einfach zusammen zu klicken oder durch 'Spagetti-Code' zu realisieren, nein - robuste Apps müssen wie jede Art von Software für die Produktionssysteme ordentlich entwickelt werden."

Den zweiten Teil der Diskussionsrunde lesen Sie in unserer kommenden Ausgabe 8/2014. (mbw)

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