13.09.2019

Thermographisches Diagnose-Assistenzsystem für Veterinäre

Kranke Tiere schonen

Bisher müssen Veterinäre kranke oder verletzte Zootiere oft betäuben, um herauszufinden, was ihnen fehlt. Künftig sollen Wärmebildkameras bei der Diagnose helfen.


Forscher des Fraunhofer IPA erarbeiten gemeinsam mit der Wilhelma in Stuttgart ein thermographisches Diagnose-Assistenzsystem zur besseren Behandlung der Tiere.
Bild: Fraunhofer IPA / Rainer Bez

Wenn ein Tierpfleger in der Wilhelma in Stuttgart ein humpelndes Zebra entdeckt, ruft er nicht nur den Tierarzt, sondern meldet sich auch bei Sascha Getto, der sich am Fraunhofer IPA mit optischen Mess- und Prüfsystemen beschäftigt. Dieser schickt dann einen seiner Mitarbeiter, der das verletzte Tier mit einer Wärmebildkamera filmt. Seit 2013 geht das schon so und in der Zwischenzeit ist eine Bilddatenbank mit hunderten hochaufgelöster Aufnahmen entstanden. Aus ihr ist z.B. ersichtlich, wie sich die Körpertemperatur einer Hirschebersau entwickelt, solange sie trächtig ist, oder wie sich ein Seelöwe mit entzündeter Mundhöhle von einem gesunden Artgenossen unterscheidet. So sollen Veterinäre künftig anhand der Wärmebilder und anderer Untersuchungsmethoden herausfinden, was genau einem kranken Tier fehlt. Sie müssten es dann im ersten Schritt oft nicht mehr betäuben, um es untersuchen zu können, sondern können im Idealfall sofort mit der Behandlung beginnen. Bis es so weit ist, wird es aber voraussichtlich noch ein wenig dauern. Im nächsten Entwicklungsschritt soll es zunächst den Tierärzten möglich sein, eigenhändig Wärmebilder anzufertigen und diese mit bestehenden Aufnahmen in der Bilddatenbank zu vergleichen. Dafür wollen die Wissenschaftler die Software so weiterentwickeln, dass die Bilddatenbank möglichst einfach zu bedienen ist. So müssten z.B. die einzelnen Aufnahmen mit Umweltdaten verknüpft werden. "Eine Giraffe, die bei eisigem Wind aufgenommen wird, sieht auf einem Wärmebild anders aus als an einem ruhigen Sommertag", gibt Getto zu bedenken. Ferner evaluieren die Wissenschaftler eine spätere Anbindung an die Cloud. Damit könnten neben der Wilhelma auch weitere Zoos Aufnahmen in der Bilddatenbank hinterlegen. "Irgendwann wäre die Datenbasis groß genug, um sie auch von einer künstlichen Intelligenz auswerten zu lassen", so Getto. Die Software könnte dann eigenständig auf auffällige Temperaturveränderungen hinweisen. Auch die Wärmebildkameras selbst müssen einfacher bedienbar werden. "Bisher gibt es noch nicht die Vielzahl an ausgeklügelten Automatikfunktionen wie bei handelsüblichen Digitalkameras", sagt Getto. Das Verfahren wird auf absehbare Zeit aufgrund der physikalischen Beschränkungen der Wärmebildtechnik unmöglich allen Tieren das Leben erleichtern können. "Bären haben über weite Strecken ein so dichtes Fell, dass wir die Körpertemperatur an der Haut nicht ermitteln können", erzählt Getto, "und Strauße oder Flamingos haben so dünne Beine, dass wir sie aus der Ferne nicht aufnehmen können. Kommen wir ihnen aber zu nah, flüchten sie."

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