Erschienen am: 17.04.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN Hannover Messe 2018

Interview mit Dr. Christopher Anhalt, Softing

"Kompetenzfelder zusammenbringen"

Das IoT ist aktuell eines der prägnantesten Schlagwörter in der industriellen Automatisierung - schließlich verspricht die Anbindung von Maschinen über die Fertigungswelt hinaus an überlagerte Ebenen und Systeme großen Mehrwert. Doch wie weit ist das Internet der Dinge wirklich schon in die Fabrik vorgedrungen? Wo genau liegen die konkreten Vorteile für den Endanwender? Und mit welchen Werkzeugen lassen sich diese aufdecken? Darüber hat das SPS-MAGAZIN mit Dr. Christopher Anhalt, Business Development Manager bei Softing, gesprochen.


Wie prägt Ihrer Meinung nach das Thema IoT heute schon die Fertigungsindustrie, Herr Anhalt?

Christopher Anhalt: IT lautet hier das entscheidende Stichwort: Denn Automatisierungslösungen und entsprechende Architekturen werden immer IT-lastiger. Der Begriff IoT umschreibt also den Trend, dass Informationstechnologie auf unterschiedlichen Fertigungsleveln und in ganz unterschiedlicher Art und Weise an Bedeutung gewinnt. Sie macht einen immer größeren Teil der Wertschöpfung aus, sorgt für die Innovation und treibt somit die Veränderungen in der Fabrik. Das betrifft einerseits die Technologie- bzw. Software-Ebene: Wie bekommen Geräte zusätzliche Funktionen? Was leisten Software-Applikationen als Teil immer komplexer werdender Gesamtlösungen? Andererseits gibt es auch eine organisatorische Ebene, die für Endkunden zu berücksichtigen ist, wenn es um die Verschmelzung von IT und Fertigungstechnik geht: Welche Aufgaben hat zukünftig die klassische Automatisierungsabteilung? Was übernimmt die IT-Abteilung? Und wie finden die beiden Abteilungen zusammen?

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Der steigende Einfluss der IT verändert also die komplette Struktur in Industrieunternehmen?

Anhalt: Genau. Darin liegen große Chancen aber auch Risiken. Ich habe eine ganze Reihe von Projekten erlebt, die aufgrund von organisatorischen Fragen und nicht wegen technischen Hürden in Verzug geraten sind. Es gibt darüber hinaus auch noch weitere Frage, und zwar die nach den relevanten Marktteilnehmern: Mit wem spricht der Endkunde bezüglich einer neuen und innovativen Gesamtlösung? Wer sitzt mit am Tisch, wenn es um deren Aufbau und Implementierung geht? Diese drei Ebenen sind heute schon gut erkennbar und sie werden eine zunehmend Rolle dabei spielen, dass IT und OT, also Fertigungstechnik, zusammenwachsen. Alle diese Fragen sind heute schon gut erkennbar, und sie werden eine zunehmede Rolle beim Zusammenwachsen von IT und OT, also Fertigungstechnik, spielen.

Spielt hier auch die Frage mit hinein, in wie weit sich die großen IT-Firmen in die Automatisierung einbringen können?

Anhalt: Ja, das gehört zur Frage, wer zukünftig was macht. Das zeigt sicht auch am Thema Datenintegration, wo heute noch nicht ganz klar ist, wer sie überhaupt wirklich beherrscht. Denn zum einen ist dafür konzeptionelles Know-how aus der IT-Welt nötig, aber auch tiefgehendes Domain-Know-how aus der Automatisierung.

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Kann man denn überhaupt klar umreißen, wo das Aufgabenfeld IoT anfängt und wo es aufhört?

Anhalt: Nein, das IoT muss heute als Sammelbegriff herhalten. Selbst wenn man es auf Fertigung einschränkt, gibt es viele verschiedene Aspekte, die sich z.B. Cloud, Analytics, Big Data, Prozessintegration oder die Auflösung der Automatisierungspyramide nennen. Wenn man hier genauer hinsieht, sind das durchaus getrennte Fragen. Sie sind unabhängig voneinander am besten zu analysieren und ergeben ein differenziertes Gesamtbild, was IoT eigentlich heißt.

Und aus dem Begriff IoT lassen sich für all diese Ansätze spezifische Lösungsmöglichkeiten ableiten?

Anhalt: Richtig. Das industrielle Internet der Dinge steht - vergleichbar mit dem Schlagwort Industrie 4.0 - als gemeinsame Klammer für eine Vielzahl von unterschiedlichen technologischen Weiterentwicklungen.

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In welchen Bereichen zeichnet sich heute denn schon konkreter Nutzen ab?

Anhalt: Die Einsatzfelder sind vielschichtig, aber sie lassen sich gliedern. Auf der einen Seite geht es um die Optimierung der Fertigungsprozesse: Wie kann man Verbesserungen bei Qualitätssicherung, Verfügbarkeit oder Effizienz erzielen? Hier gibt es spannende Möglichkeiten aus dem IoT-Bereich. Betrachtet man auf der anderen Seite aber, welchen Siegeszug das Cloud-Thema in der Enterprise-IT angetreten ist, dann standen hier maßgeblich finanzielle Aspekte im Vordergrund. Statt hoher Investitionskosten in Hardware und Software-Lizenzen nutzt man einfach einen Service. Natürlich bleiben laufende Kosten, aber man erhält viel mehr Flexibilität und kann besser skalieren. Dieser Entwicklung wird sich auch die Industrie nicht entziehen. Ein dritter Aspekt sind neue Geschäftsmodelle und die Frage: Wie entwickle ich innovative Produkte für meine Kunden? Aus heutiger Sicht ist es schwer abschätzbar, welche weiteren Anwendungen noch folgen werden. Potenziell könnten das aber sehr viele sein.

Wie ist denn der Stand der Technik in Bezug auf das industrielle IoT? Sind auf dem Markt schon alle nötigen Komponenten verfügbar, um gleich in diese Richtung aufzubrechen?

Anhalt: Ich neige zu der Einschätzung, dass die Technik heute schon mehr Möglichkeiten bietet, als in der breiten Praxis umgesetzt werden. Das liegt an der beschriebenen organisatorischen Ebene. Was aber nicht heißt, dass es auf Technikseite keine Lücken mehr zu schließen gäbe, gerade in Bezug auf die Standardisierung. Hier sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen, z.B. mit den verschiedenen Companion Specs für OPC UA, wir haben aber sicher noch nicht das Ende des Weges erreicht. Und im Feld der Best Practices steht die Industrie hingegen noch am Anfang. Es gilt noch herauszufinden, wie man die neuen Möglichkeiten so einsetzt, dass sie auch wirklich großen Nutzen bieten und gleichzeitig der Implementierungaufwand gering bleibt.

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Aber um so mehr sich die Branche damit beschäftigt, um so mehr gute Ideen werden doch automatisch entstehen.

Anhalt: Den Kundenbedarf nach Know-how auf der Lieferanten-, Beratungs- oder IT-Dienstleisterseite und eine entsprechende Unterstützung bei Systementwürfen, Projektabwicklung sowie dem Aufbau von Gesamtlösungen gibt es auf jeden Fall. Aber aus meiner Sicht lässt sich heute noch nicht abschätzen, wer dieses Feld in Zukunft abdecken wird. Denn hier ist Wissen aus der IT über Systemarchitekturen, Datenaggregation oder Schnittstellenabstraktion nötig. Gleichzeitig muss dieses aber in der Domäne Automatisierung angewendet werden, in der sich klassische IT-Leute nicht gut auskennen. Umgekehrt fehlt es den Automatisierern an Know-how über diese IT-Konzepte. Wer beide Kompetenzfelder letztendlich zusammenbringen wird, ist noch offen.

Also geht das Lösungs- und Geräteangebot der Automatisierungshersteller hier doch noch nicht weit genug?

Anhalt: Zusätzliche Kommunikations-Interfaces, für die z.B. Softing SDKs anbietet, sind auf dem Markt schon verfügbar und werden auch nachgefragt. Im nächsten Schritt geht es darum, diese standardisierten Schnittstellen auch in die Automatisierungsgeräte direkt zu integrieren. Hier gibt es Stand heute noch eine Lücke, die aber gefüllt werden muss, damit die klassische Automatisierungspyramide von einer Systemarchitektur abgelöst werden kann, bei der alle Teilnehmer untereinander kommunizieren. Gleichzeitig gilt es, die Kosten für Security im Rahmen zu halten und die Wiederverwendbarkeit einer einmal entwickelten Lösung für weitere Projekte sicherzustelllen.

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Es gibt ja aber schon einige Automatisierungsanbieter, die IoT-Devices samt App anbieten, z.B. für Predictive Maintenance.

Anhalt: Das sind bislang meist Insellösungen und auch nicht selten gute Beispiele dafür, wie Dinge am tatsächlichen Bedarf vorbei entwickelt werden. Apps gelten eben aktuell als schick. Wie relevant sie aber für den Betrieb einer Anlage schon wirklich sind, ist eine ganz andere Frage und steht noch zur Diskussion. In diese muss sich auch die Anwenderseite mit ihren Anforderungen noch stark einbringen. Es sind also von beiden Seiten noch Schritte zu gehen.

Betrachtet man das aktuelle Angebot an unterschiedlichen industriellen Cloud-Lösungen, so sieht man, dass es kontinuierlich von allen Seiten erweitert wird - von Automatisierern, Maschinenbauern und IT-Anbietern. Überfordert dieses Spektrum den Anwender nicht zunehmend?

Anhalt: Eine gute Frage. Sicherlich ist auch die Cloud-to-Cloud-Kommunikation ein Thema der Standardisierung, das sich noch weiter entwickeln muss. Idealerweise wird so ein Stück weit für Unabhängigkeit beim Anwender gesorgt. Dennoch entwickelt sich für viele Endanwender die Frage nach der einzusetzenden Cloud-Plattform zur strategischen Infrastrukturentscheidung. So wie es in der Vergangenheit bei der Wahl eines Busprotokolls oder eines SPS-Lieferanten war. Die großen Industrieunternehmen tun das bereits heute. Das erkennen wir daran, wie unsere Produkte evaluiert werden: nämlich zunehmend als Connectivity-Komponente für eine vorgegebene Cloud-Plattform und nicht mehr isoliert im Anlagenkontext.

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Wie reagiert Softing denn im Rahmen seines Portfolios auf die Entwicklungen im IoT-Bereich?

Anhalt: Wir leiten verschiedene Aktivitäten aus dem Internet der Dinge ab. Für unser Standardproduktgeschäft bedeutet es in erster Linie die nächsten Evolutionsschritte. Denn Software-Tools und Hardware-Gateways zur Datenintegration wurden ja nicht erst mit dem IoT erfunden. Ganz im Gegenteil: Prozess- und Maschinendaten über eine OPC-Schnittstelle für Scada- oder HMI-Systeme bereitzustellen, das machen wir schon seit vielen Jahren. Jetzt geht es darum, weitere Protokolle wie z.B. HTTP/Rest oder MQTT anzubieten, damit unser vorhandenes Portfolio die Connectivity-Anforderungen in Richtung IT und Cloud erfüllt - und das anwendungs- und branchenunabhängig. Wenn sich OPC UA in Hinblick auf die großen Cloud-Plattformen als Standard durchsetzt, dann ist das Potenzial für Softing riesig. Ein erstes Produkt, das wir in dieser Richtung anbieten, ist unser Industrial IoT Starter Kit. Neben neuen Produkten setzen wir heute aber auch schon auf ein Dienstleistungsangebot in Richtung Big Data Analytics -das Softing-Geschäftsfeld Data Intelligence. Hier geht es letztendlich darum, Spezialwissen dazu aufzubauen, wie man Daten mit komplexer Algorithmik auswertet, und dieses auf Anwendungsfälle in der Fertigungsindustrie anzuwenden.

Sie sprachen gerade das neue IoT Starter Kit an. Um was handelt es sich dabei genau?

Anhalt: Dieses Produkt haben wir auf der SPS IPC Drives 2017 erstmals vorgestellt. Es bündelt ein GL20-IoT-Gateway von HP mit Software von Microsoft - Windows Embedded und zwei Software-Komponenten, die eine spezielle Kommunikation mit der Azure-Cloud herstellen. Ebenfalls enthalten ist unsere DataFeed OPC Suite für die Datenerfassung im Feld. Mit dieser Kombination bietet das Industrial IoT Starter Kit zwei Dinge in einem: Zum einen den einfachen Aufbau einer End-to-End-Lösung, um Maschinen- und Prozessdaten in die OEE-Applikation Connected factory der Azure-Cloud zu schicken. Das lässt sich in der Regel innerhalb eines Tages umsetzen. Gleichzeitig ist das Starter Kit ein OPC-UA-basiertes Datenintegrationsprodukt, das dem Anwender alle Türen offen hält, um eine initiale Lösung in ganz unterschiedliche Richtungen weiter zu entwickeln. Das trifft genau das Bedürfnis, das viele Kunden derzeit haben. Kaum einer bezweifelt das Potenzial des IoT für die Industrie, aber in den wenigsten Fällen ist bei Anwendungsszenarien sofort ein ROI ersichtlich. Kunden wollen ihre eigene Lernkurve gehen und ihre Lösung entsprechend anpassen und ausbauen können, in manchen Fällen ein Projekt auch wieder abbrechen. Dabei lassen sich mit dem Starter Kit die Kosten sehr gering halten. Kurzum: Das IoT Starter Kit bereitet dem Anwender mit minimalem initialen Invest den Weg ins industrielle Internet der Dinge.

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Die Anbieterschaft muss also gemäß des Trial&Error-Ansatzes noch testen und üben, um den Mehrwert des IoTs für die jeweilige Applikation zu finden?

Anhalt: In der Tat. Man muss das große Ganze auf den jeweiligen konkreten Fall herunterbrechen. Dabei bietet das Industrial IoT Starter Kit eine Lösung, um mit wenig Aufwand loszulegen, Dinge auszuprobieren und nach gewisser Zeit zu entscheiden: Baue ich den eingeschlagenen Weg konsequent aus oder breche ich ab. Vor dieser Situation steht aktuell eine Menge an Entwicklern im Maschinenbau.

Sie haben die Einfachheit des neuen Kits betont. Benötigt der Nutzer denn überhaupt kein spezielles IT- oder Automatisierungs-Know-how?

Anhalt: Wir verfolgen den Anspruch, dass beide Seiten das Industrial IoT Starter Kit ohne Spezialwissen einsetzen können - sowohl Maschinenbauer als auch IT-Entwickler. Natürlich bedarf es gewisser Grundkenntnisse: Man muss wissen, wie man mit der DataFeed OPC Suite in der SPS an die relevanten Daten kommt. Und man muss auch ein paar Knöpfe in der Azure-Cloud bedienen können, wobei das mit der Connected Factory deutlich leichter wird. Ehrlich gesagt gilt es hier für uns - im Sinne eines Go-to-Markets - auch noch Erfahrungswerte zu sammeln. Persönlich bin ich sehr gespannt, in welchen Anwendungen und über welche Kanäle Softing mit dem neuen Starter Kit am meisten Kraft auf die Straße bekommt. Nachdem wir Beta-Version und Live-Demo im Herbst vorgestellt haben, wollen wir noch im ersten Halbjahr dieses Jahres lieferfähig sein.

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Hat der Anwender SPS-seitig freie Wahl oder ist er auf bestimmte Typen oder Hersteller festgelegt?

Anhalt: Er ist vollkommen frei, solange er eine Steuerung benutzt, die von der DataFeed OPC Suite unterstützt wird, denn es handelt sich ja um ein Standardfeature. Im Prinzip sind das alle etablierten SPSen, die in Europa und Nordamerika eingesetzt werden.

Kann man zusammenfassend sagen, dass das IoT Starter Kit letztendlich dafür gedacht ist, Appetit auf Cloud- und IoT-Anwendungen zu machen?

Anhalt: Man muss es etwas anders formulieren, denn den Hebel für das generelle Interesse des Anwenders am Internet of Things können wir als Anbieter von Connectivity nicht umlegen. Aber sobald der Appetit da ist, bieten wir mit dem Industrial IoT Starter Kit ein gutes Werkzeug um sich in leckeren IoT-Rezepten zu versuchen.

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