Erschienen am: 01.03.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 3 2018

Interview mit Yasushi Kato, Development Director der Panasonic Motor Business Unit

"85 Jahre Motorexpertise"

Panasonic ist hierzulande vor allem aus der Unterhaltungselektronik bekannt. Dabei ist der japanische Konzern in einer Vielzahl von Branchen aktiv und u.a. in der industriellen Automatisierungs- und Antriebstechnik sehr erfolgreich. Dieser Bereich macht sogar den größten Teil am Unternehmensumsatz aus. Welche Technologie dahinter steht und wie die Ziele für die Automatisierungstechnik in Deutschland und Europa aussehen, das schildert Yasushi Kato - als Development Director der Panasonic Motor Business Unit verantwortlich für Produkt- und Technologiemanagement im Bereich Antriebstechnik - im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN.


Mit dem Advanced-Safety-Konzept von MinasA6 will Panasonic das komplette Applikationsspektrum sicherheitstechnisch bedienen.
Bild: Panasonic Electric Works Europe AG

Welchen Stellenwert hat die Automatisierung im gesamten Panasonic-Portfolio, Herr Kato?

Yasushi Kato: Die Antriebs- und Automatisierungstechnik zählt im Konzernverbund zum Bereich Automotive and Industrial Systems, kurz AIS, und dieser erwirtschaftete von den ungefähr 61Mrd.€ Gesamtumsatz im Jahr 2016 rund ein Drittel. Das macht AIS zum größten Segment des Konzerns und zeigt dessen hohen Stellenwert. Die Antriebstechnik hat zudem eine lange Historie im Konzern: Das Motorengeschäft wurde bereits 15 Jahre nach der Gründung gestartet. Wenn Panasonic also in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, können wir gleichzeitig auf 85 Jahre Expertise bei Elektromotoren zurückblicken. Daraus resultiert ein sehr hoher Anspruch an uns selbst: Wir fertigen schon seit 1983 eigene ASICs für unsere Antriebstechnik. Die heute sehr erfolgreiche Servoantriebsfamilie Minas haben wir 1993 ins Leben gerufen.

Welches Produktspektrum decken Sie mit Minas ab?

Kato: Mit unserem Minas-Angebot decken wir im Grunde genommen alle Servoantriebsklassen und Leistungen von 50W bis 22KW ab. Das Programm beginnt mit den Serien MinasBL und Liqi, geht über unsere Success Story MinasA5 und reicht bis zur frisch gelaunchten Highend-Baureihe MinasA6. Letztere baut im Vergleich zur MinasA5 bis zu 30 Prozent kürzer und ist leichter. Das ist z.B. dann von großer Bedeutung, wenn die Motoren Teil der bewegten Masse sind. Zudem haben wir die neuen Motoren mit einem 23Bit-Encoder aufgerüstet, der bis 8Mio. Datenpunkte pro Umdrehung liefert. Das ist acht mal genauer als bisher und bietet gerade in Präzisionsbereichen wie der Halbleiterfertigung ganz neue Möglichkeiten.

Der japanische und der europäische Markt sind beide stark von Highend-Anwendungen in Industrie und Maschinenbau geprägt. Wie interessant sind Deutschland und Europa für die Antriebstechnik Ihres Unternehmens?

Kato: Panasonic ist besonders stark in Japan - hier machen wir die Hälfte des gesamten Umsatzes - aber auch in anderen asiatischen Märkten wie China. Parallel sehen wir aber auch ein großes Potenzial für uns in Europa und wollen unsere Marktposition dort sowie speziell in Deutschland entsprechend ausbauen. Aktuell erwirtschaftet Panasonic in Europa 8,3 Prozent des Umsatzes. Ziel ist es, den europäischen Umsatz mit Antriebstechnik bis 2020 bzw. 2021 zu verdoppeln, sowie ein mittelfristiger Marktanteil von fünf Prozent im Segment der Servomotoren.

Ist das europäische Marktumfeld aber nicht bereits eng besetzt?

Kato: Es sind in der Tat viele renommierte Anbieter in Deutschland und Europa aktiv. Deswegen setzen wir bei unserem Vorhaben auf außergewöhnlichen Kundennutzen. Denn gerade mit unserer Servotechnik und der Umsetzung anspruchsvoller Motion-Anwendungen können wir Kunden hierzulande auf dem Weg zu mehr Produktivität sehr gut unterstützen. MinasA6 kann hier seine Stärken voll ausspielen. Wir bringen also immer dann gute Voraussetzungen für den Erfolg mit, wenn Anwender eine hohe Leistung und Qualität erwarten.

Das klingt ja durchaus optimistisch. Welchen Herausforderungen müssen Sie sich stellen?

Kato: Natürlich wollen wir in diesem Zug auch das Spektrum der Anwendungen ausbauen, die wir mit Antrieben bedienen. Dabei müssen wir uns nicht nur den steigenden Anforderungen hinsichtlich Miniaturisierung und Präzision stellen, sondern auch den Trends, denen wir im Zuge von Industrie 4.0 begegnen. Man muss die sich wandelnden Bedürfnisse der Anwender genau verstehen - und genau hier liegt einer unserer Schwerpunkte. Mit zwölf europäischen Niederlassungen kann Panasonic seine Kunden vor Ort sehr gut betreuen. Am deutschen Standort in Ottobrunn bei München haben wir ein Servodrive Excellent Center eröffnet - inklusive Labor und Reparaturcenter -, über das wir mit erfahrenen Spezialisten Engineering- und Anwendungs-Support leisten. Um kurze Lieferzeiten sicherzustellen, gibt es zudem ein großes Lager in der Nähe von München.

Welche konkreten Vorteile bieten Sie produktseitig, die Ihre Marktbegleiter nicht haben?

Kato: Es sind vor allem die hohe Leistung, Geschwindigkeit und Präzision sowie die Qualität und Zuverlässigkeit, die unsere Servotechnik am Markt abhebt. Und in dieser Hinsicht haben die Kunden großes Vertrauen in Panasonic-Lösungen. Ein weiterer, bereits genannter Aspekt ist die Baugröße: MinasA6-Motoren sind vermutlich die kleinsten ihrer Leistungsklasse, die es auf dem Markt gibt. Aber nicht nur die einzelnen Komponenten, auch deren exakt aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel eröffnet dem Anwender viele Vorteile. Schließlich ist Panasonic ein Vollsortimenter in Sachen Automatisierung: Wir haben nicht nur SPSen, Motion Controller und Servodrives, sondern bieten z.B. auch Sensoren, Sicherheitstechnik oder Lasermarkiersysteme an. Ein weiterer außergewöhnlicher Aspekt ist die Sicherheit.

Inwiefern?

Kato: Diesem Thema räumen wir einen besonderen Stellenwert ein. Das lässt sich gut an unseren neuen MinasA6-Reglern mit Advanced Safety ablesen, die wir auf der SPS IPC Drives erstmalig vorgestellt haben. Sie bieten aktuell zwölf gängige Sicherheitsfunktionen, fünf weitere sollen noch folgen. Diese werden allesamt direkt im Antrieb gelöst und so muss eigentlich kein Anwender mehr eine eigenständige Sicherheits-SPS einsetzen. Am Messestand gab es einen Demonstrator, der vier Safety Features nutzte und unseren Ansatz der antriebsintegrierten Sicherheitsfunktionalität anschaulich zeigte.

Vier Sicherheitsfunktionen sind aber eine komplett andere Größenordnung als 12 oder 17. Braucht der Anwender überhaupt so viele?

Kato: Nun, man kann sicherlich eine Vielzahl von Anwendungen mit den gängigen Sicherheitsfunktionen lösen. Aber besondere Applikationen erfordern eben auch außergewöhnliche Safety-Lösungen. Mit MinasA6 werden wir das komplette Applikationsspektrum sicherheitstechnisch bedienen - ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Kein anderer Anbieter auf dem Markt kann diese Zahl an Drive-integrierten Sicherheitsfunktionen vorweisen.

In wie weit müssen Sie Ihre Produkte denn auf den europäischen Markt anpassen, um hier erfolgreich zu sein?

Kato: Wir müssen vor allem kommunikationsseitig flexibel sein. Mit RTEX hat Panasonic einen hauseigenen Kommunikationsstandard entwickelt, der auf hohe Performance und Robustheit ausgelegt ist, aber gleichzeitig auch auf unkomplizierten Aufbau und Bedienung. Die Zykluszeiten von 62,5µs sind vorrangig für Motion-Control-Anwendungen interessant und für deren bereits erwähnte steigende Anforderungen. RTEX ist als offener Standard aufgesetzt, er wird in der Nutzerorganisation gemeinschaftlich weiterentwickelt und bzgl. neuer Anforderungen unserer Kunden angepasst. Aufgrund seiner Eigenschaften kommt RTEX auf der Antriebsebene durchaus auch in Deutschland zum Einsatz - z.B. in SMT-Maschinen der Elektronikfertigung. Dennoch ist der Standard in Europa nicht sonderlich bekannt und deswegen bieten wir auf dem Steuerungslevel auch hier etablierte Schnittstellen wie Ethercat oder Modbus.

Sind diese Alternativen ausschließlich für den europäischen Markt entwickelt worden oder gibt es auch Anwender auf asiatischer Seite?

Kato: RTEX ist als Kommunikationsstandard in Japan, aber auch in China weit verbreitet. Dennoch ist zu beobachten, dass Ethercat auch auf den asiatischen Märkten an Bedeutung gewinnt. Deshalb sind RTEX und Ethercat aus unserer Sicht die beste Kombination.

Wo geht die Antriebsreise bei Panasonic hin?

Kato: Auf einem großen Teil unserer Motoren steht gar nicht Panasonic drauf, denn diese Produkte brandlabeln wir u.a. für fast alle gängigen europäischen Hersteller. Um den wachsenden Markt in Zukunft überhaupt bedienen zu können, werden wir die Produktion im laufenden Jahr auf rund 250.000 Servomotoren pro Monat steigern. Damit wird Panasonic einer der größten Servomotorhersteller der Welt, wenn nicht sogar der größte.

Und auf welche neuen Produkte und Lösungen dürfen sich die Anwender in Europa demnächst freuen?

Kato: Unsere nächsten Schritte in Europa gehen nicht nur in Richtung Antriebstechnik und Safety, sondern vor allem auch in Richtung IoT. Hier setzen wir auf ein Komplettprogramm für unsere Kunden, das eine standortunabhängige Problembehebung mit Echtzeit-Monitoring oder Troubleshooting aus der Ferne ermöglicht. So haben wir z.B. einen optionalen USB-Dongle entwickelt, der Servoantriebe IoT-fähig macht. Damit kann der Anwender Regler- und Motordaten unkompliziert für Remote-Lösungen nutzen. Dieses System funktioniert nachweislich gut: Wir setzen es in unserer eigenen Fertigung ein, monitoren die Antriebstechnik und passen bei Bedarf die jeweiligen Parameter aus der Ferne an. In der Folge sind wir auch sehr aktiv in Bereichen wie Condition Monitoring oder Predictive Maintenance auf der Basis von IoT-generierten Produktionsdaten. Mit einem zuverlässigen System inklusive leistungsstarker Analyse-Software unterstützt Panasonic den Anwender dabei, den besten Wartungszeitraum einer Anlage festzulegen, und auf diese Weise Performance und Verfügbarkeit zu steigern.

Fordert der Anwender die von Ihnen beschriebene IoT-Funktionalität heute bereits ein?

Kato: Die Forderungen auf Maschinenbauseite werden immer lauter. Deswegen sind wir mit ausgewählten Kunden auch schon in der Pilotphase für unsere IoT-Lösungen. Das bedeutet viel Arbeit und es wird dabei sicherlich nicht einfach sein, die verschiedenen Bedürfnisse und Ansprüche der jeweiligen Kunden abzudecken. Da machen wir uns keine Illusionen. Aber auf diese Weise lernen wir die jeweiligen Bedürfnisse und Ansprüche genau kennen und können uns darauf aufbauend bestmöglich vorbereiten.

Herr Kato, vielen Dank für das Gespräch.

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