28.10.2016

Von Standardsund Zahnbürsten

Die meisten Anbieter von Automatisierungstechnik halten es mit Kommunikationsstandards wie mit Zahnbürsten: Jeder hat eine und keiner will die des anderen benutzen. Diese Haltung bringt einige Hürden und Herausforderungen für die Anwender mit sich, die sie ohne proprietäre Protokolle nicht hätten. Mit TSN beginnt nun eine neue Runde im Ringen um weniger Protokollvielfalt, doch der Wunschtraum von nur einem übergreifenden Standard wird sich auch diesmal nicht erfüllen.


Der Begriff Time-Sensitive Networking, kurz TSN, bezeichnet mehrere Standards, die von den IEEE-Arbeitsgruppen 802.1 und 802.3 spezifiziert werden - teils schon veröffentlicht, teils noch in Vorbereitung -, und als Erweiterung des Standard-Ethernets vor allem auf eine Datenübertragung mit sehr geringer Übertragungslatenz und hoher Verfügbarkeit abzielen. Voraussetzung dafür sind drei Schlüsselkomponenten, die für alle teilnehmenden Geräte gelten: ein gemeinsames Verständnis der Zeit, gleiche Regeln bei der Bearbeitung und Weiterleitung von Datenpaketen sowie gleiche Regeln bei der Reservierung von Bandbreite und Kommunikationspfaden. Mit diesen Eigenschaften und im Zusammenspiel mit OPC UA soll TSN zukünftig Standard-Ethernet auch tauglich für Industrieanwendungen mit hohen Echtzeitansprüchen machen.

Das mag im ersten Moment in vielen Anwenderohren nach der Erfüllung eines Wunschtraums klingen - endlich ein offener Standard, der alles kann -, doch bei der Frage, wann und wie tief TSN Einzug in die Fabriknetze halten wird, gehen die Meinungen heute noch auseinander: Leitebene, Anlagenlevel oder sogar bis in die Maschinen hinein. Zudem tauchen mit TSN auch neue Sicherheitslöcher auf (siehe S. 51). Wiederum keine Frage ist, dass sich die industrielle Kommunikation in den nächsten Jahren verändern wird. Dieser Wandel kommt nicht nur von oben, sondern auch von unten: Denn bei den Anforderungen der smarten Fabrik an die Feldebene reicht der unidirektionale Ansatz der klassischen Analogschnittstelle bei Sensoren und Aktoren nicht mehr aus. Stattdessen kommt hier in absehbarer Zeit z.B. immer öfter IO-Link ins Spiel (siehe S. 18). Die Protokollvielfalt auf der Steuerungsebene wird hingegen erst einmal nicht weniger. Hier muss sich der Anwender nach wie vor entscheiden und prüfen, welches Industrial-Ethernet-Derivat die größten Vorteile für ihn bietet. Wie gewohnt greift die vorliegende Ausgabe des Industrial Communication Journals zahlreiche Aspekte aus diesem Bereich auf. Ich wünsche eine interessante Lektüre.

Mathis Bayerdörfer

mbayerdoerfer@sps-magazin.de

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