29.10.2015

"Wir gestalten Industrie 4.0 mit den Anwendern gemeinsam"

Auch auf der SPS IPC Drives wird der Weg zur digitalen Fabrik eine zentrale Rolle spielen. Ein Unternehmen, das in diesem Zusammenhang eine lange Historie hat, ist Schneider Electric. Wir sprachen mit Jürgen Siefert, Vice President Industry bei Schneider Electric über die Historie, die heutigen Möglichkeiten sowie die Herausforderungen auf dem Weg zur Industrie 4.0.


Welche Historie hat Schneider Electric im Bezug auf die Entwicklung hin zur Industrie 4.0?

Jürgen Siefert: Schneider Electric ist sicher einer der Wegbereiter auf dem Weg zur digitalen Fabrik bzw. zu Industrie 4.0: Die ersten Lösungen hatten wir bereits in den 90er-Jahren. Und zu vielem, was heute Industrie 4.0 ausmacht, haben wir die technologische Basis gelegt. Da ist zum einen Modbus als offener Standard zu nennen, denn bereits damals war es uns wichtig, auf nicht-proprietäre Lösungen zu setzen. In dem Zuge hatten wir das Thema 'Transparent Factory' auf der Software-Seite, aber auch 'Transparent Ready' auf der Produkt-Seite. Das Thema Modbus wurde zu Modbus TCP weiterentwickelt, als die Ethernet-Lösungen kamen. Modbus TCP ist auch heute noch ein unglaublich erfolgreiches Protokoll. Der Webserver in der Steuerung ist auch eine Schneider Electric-Erfindung, die ohne offene Standards gar nicht funktionieren würde.

Warum ist Ihnen das Thema der offenen Standards so wichtig?

Siefert: Das Besondere an unseren Lösungen ist die Tatsache, dass man den Kunden nicht zwingt, auf eine proprietäre Technologie zu setzen. Das Thema Offenheit spielt für unsere Kunden eine zentrale Rolle - und zwar weltweit. Für unsere Maschinenbauer ist das eigentlich nichts Neues, denn gerade diese Anwender leben oft zu 70 Prozent vom Export. Dementsprechend werden diese offenen Systeme immer wichtiger, denn sie bieten Vorteile, wenn es um weltweite Service-Leistungen geht. Aus meiner Service-Zeit vor 25 Jahren weiß ich selbst noch gut, wie wichtig das ist, denn ab und zu ist man gezwungen, zu improvisieren und etwas einzusetzen, was vor Ort verfügbar ist. Ich glaube gerade in dem Zusammenhang spielen die nicht-proprietären Lösungen eine wesentliche Rolle.

Was tut Schneider Electric, um die offenen Standards weiter voranzutreiben?

Siefert: Beispielsweise engagieren wir uns in den Verbänden, um einen Beitrag zu leisten, dass diese neuen Standards auch entsprechend mit innovativen Ideen unterlegt werden. Ich bin selbst seit einigen Wochen im Vorstand des VDMA im Fachverband Elektrische Automation, aber auch Mitarbeiter von mir sind mit dabei, z.B. ein Kollege im Industrie-4.0-Arbeitskreis. Ein anderer wichtiger Verband ist der ZVEI, in dem wir ebenfalls aktiv sind. Das beginnt bei der Geschäftsleitung, Rada Rodriguez ist dort im Vorstand. Wir versuchen, diese Pionierarbeit mit dem Maschinenbau gemeinsam zu gestalten.

Können Sie uns ein Beispiel nennen für diese Offenheit?

Siefert: Das ist sehr einfach, denken Sie beispielsweise nur mal an das Thema 'Webserver' auf dem Produkt. Ein Produkt, was in der heutigen Welt sehr viele Möglichkeiten bietet für solche innovativen 4.0-Lösungen, ist unser neuer Frequenzumrichter, der Altivar Prozess. Dort haben wir zum einen einen Webserver integriert, der es ermöglicht, von woher auch immer auf Informationen des Gerätes zurückzugreifen. Aber er kann nicht nur auf Geräte-Informationen zugreifen, sondern auch auf Zustandsinformationen, z.B. Energieverbräuche, die dann wieder Rückschlüsse zulassen auf mögliche Verschleißerscheinungen in der Maschine oder Anlage. Denn wenn plötzlich Energieverbräuche steigen, dann hat es häufig etwas damit zu tun, dass irgendetwas schwergängiger wird in der Maschine. Das ist also eine wichtige Information, bevor etwas ausfällt.

Und dann kann der Servicetechniker auf die Informationen auf dem Webserver zugreifen?

Siefert: Ja, wir gehen jedoch noch einen erheblichen Schritt weiter. Oft ist man als Servicetechniker ja auf sich alleine gestellt, wenn man irgendwo auf der Welt (gerne auch mal am Wochenende im Ausland) eine Anlage in Betrieb nimmt, und dann ist man froh, wenn man die richtige Dokumentation zur Verfügung hatte. Bei unserem Altivar Prozess ist nicht nur eine Dokumentation abrufbar. Es wird auf dem Gerät ein dynamischer QR-Code generiert, der eindeutige Rückschlüsse zulässt auf den Fehler. Jetzt können Servicetechniker mit ihrem Smartphone den QR-Code einlesen und bekommen dann über die Schneider-Electric-Homepage eine dezidierte Fehlerinformation und eine Lösungshilfe.

Welche weiteren Entwicklungen kennzeichnen den Weg zur Industrie 4.0 im Schneider Electric Portfolio?

Siefert: Wenn man von der Historie in die Gegenwart und die Zukunft blickt, dann sind unsere App-basierenden Lösungen auf jeden Fall ein wichtiges Thema. Wir haben beispielsweise für unsere Maschinenvisualisierungen, für die Magelis-Baureihe, mit Vijeo Design'Air eine App im Programm, mit der man die Möglichkeit hat, die Visualisierung mit jedem beliebigen Smartphone oder Tablet darzustellen. Wenn man sich dort wieder in die Rolle des Servicetechnikers oder des Inbetriebnehmers hineinversetzt, entstehen dadurch ganz andere Möglichkeiten im Vergleich zu einer Visualisierung, die ortsfest an einer Maschine steht. Er kann nun beispielsweise in der Maschine einen Sensor von Hand betätigen, um zu testen, ob er funktioniert und hat gleichzeitig an seinem Standort über das Tablet jederzeit Zugriff, um zu sehen, ob das Signal wirklich schaltet. Vijeo Design'Air Plus bietet dann zusätzlich die Möglichkeit, Bedienfunktionen an der Maschine remote durchzuführen. Was durchgeführt werden darf und was nicht, bestimmt der Maschinenbauer, indem er entsprechende Rechte vergibt. Wenn man in die Ebene oberhalb der SPS geht, haben wir eine App-basierende Lösung für unsere Wonderware-Software, sodass Sie auch eine Wonderware-Visualisierung auf dem Smartphone oder Tablet laufen lassen können und dort die Möglichkeit haben, per Tablet Funktionalitäten zu sehen und auch einzugreifen.

Ist das nicht auch ein gewisses Sicherheitsrisiko, wenn Sie mit einem Tablet in einen Maschinenzyklus eingreifen?

Siefert: Uns ist es an der Stelle wichtig, - und da sind wir wieder beim Thema Vorreiter-Rolle - unseren Kunden einen bunten Strauß an Möglichkeiten zu bieten. Was der Maschinenbauer oder letztendlich auch der Endkunde davon nutzt, das wollen wir bewusst unseren Kunden überlassen. Wichtig ist es, die Offenheit zu haben, alle möglichen Freiheitsgrade anzubieten.

Welchen Einfluss hat die Thematik Industrie 4.0 auf die Technologie Ihrer Steuerung?

Siefert: Mit Industrie 4.0 stehen Ideen im Raum, dass die Kommunikation, die früher hierarchisch aufgebaut war, nun direkt erfolgen kann. Alle kennen das herkömmliche Bild der Automatisierungspyramide: Oben befindet sich ein ERP-System, dann kommt die Prozessleitebene, darunter die Steuerungsebene, wo die klassische SPS sitzt. Schließlich geht es dann runter auf die Ebene, wo ein intelligenter Sensor sitzt. Dieses hierarchische Modell wird durch Industrie 4.0 immer mehr aufgelöst und erlaubt sowohl horizontale wie auch vertikale Kommunikation. Das heißt, was Steuerungen angeht, wird die Herausforderung sicher sein, mit standardisierten Protokollen auch in dieser horizontalen Ebene, z.B. von Steuerung zu Steuerung, immer mehr Dinge auszutauschen. Ich glaube, dass wir aufgrund unserer Offenheit und Zugriffsmöglichkeiten per Web, die wir seit jeher in der Steuerung pflegen, besonders gut auf diese Anforderungen vorbereitet sind. Wir sind mit unserer neuen M580-Steuerungslösung sogar noch ein Stück weiter gegangen: Wir haben dort selbst die Kommunikation innerhalb der Steuerung von Modul zu Modul Ethernet-basiert gelöst. Das ist, so glaube ich, die höchste Form der Offenheit, die man realisieren kann.

Das Thema Consulting und Dienstleistung spielt meiner Ansicht nach im Bereich Industrie 4.0 eine zentrale Rolle, nicht nur für Betreiber, sondern auch im Hinblick auf die Maschinenbauer. Was bieten Sie im Hinblick auf Industrie 4.0?

Siefert: Was uns ausmacht und was auch die Historie von Schneider Electric geprägt hat, ist die Tatsache, dass wir ein Lösungsanbieter sind. Das bedeutet, dass wir nicht nur Produkte verkaufen, sondern unseren Kunden genau das bieten können, was sie benötigen. Das beginnt beim klassischen Vertrieb, reicht über ausgeprägte Spezialisten für die Produkte bis hin zu ausgeprägten Experten in zwei Ebenen für die Lösung einer konkreten Automatisierungsaufgabe, beispielsweise im Bereich der Verpackungsmaschinen. Das eine sind die Solution Architects, die sogenannten SAEs in unserem Sprachgebrauch, die dem Kunden helfen, so eine Lösung selbst zu kreieren. Der Kunde entwickelt letztendlich seine Lösung selbst und programmiert sie auch und wir helfen dabei, dass er das möglichst schnell und einfach realisieren kann. Die nächste Stufe sind dann die Application Design Engineers, die komplette Lösungen gemeinsam mit dem Kunden erstellen. Dort haben wir alle Freiheitsgrade, von dem intelligenten Sensor, wie man den richtig einbindet, bis hin zur Anbindung an ein übergeordnetes Prozess-Leitsystem, entsprechenden Support zu geben. Wir haben inzwischen mehr Techniker als klassische Vertriebsleute in der Mannschaft, um genau diesem Anspruch gerecht zu werden.

Was ist denn im Bereich der Automatisierungstechnologie zu tun, um die nächste Hürde zur intelligenten Fabrik zu nehmen?

Siefert: Wir, aber auch andere Unternehmen aus der Branche, haben inzwischen genügend flexible Systeme, um unseren Beitrag zu leisten. Nun müssen Projekte realisiert werden. Dort, wo es einen Leidensdruck in Sachen flexible Produktion gibt auf der einen Seite und auf der anderen Seite auch die Bereitschaft, dieses Thema anzufassen und vielleicht am Anfang auch mal auf die Nase zu fallen. Mit diesen Pionieren können wir, so glaube ich, am schnellsten vorankommen und als Standort Deutschland ein Zeichen setzen.

Was sehen Sie derzeit als größte Herausforderung bei dem Weg zur Industrie 4.0?

Siefert: Gleich ob Automatisierer oder Maschinenbauer - zu den kritischen Themen gehört die Cyber Security. Oder im Hinblick auf Big Data der Umgang mit den Unmengen an Daten, die dort verwaltet werden müssen. Gerade bei Cyber Security gibt es genügend negative Erfahrungen. Das führt natürlich auch zu Bedenken seitens der Maschinenbauer oder der produzierenden Unternehmen, heikle Produktionsdaten, in denen Kern-Know-how des Produktionsbetriebs und des Maschinenbauers steckt, anderen zugänglich zu machen. Die Gefahr ist vorhanden, dass Mitbewerber irgendwo auf der Welt von den Standorten vor Ort sensible Daten abgreifen und für ihre eigenen Innovationen nutzen. Das ist eine Aufgabe, die gelöst werden muss.

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