Erschienen am: 08.02.2018, Ausgabe SPS-MAGAZIN 1+2 2018

Statussymbol Stress



Clemens Faller ist Professor für Automatisierungstechnik an der Hochschule Bochum
Bild: Hochschule Bochum

Ein ehemaliger Kommilitone, der heute eine Entwicklungsabteilung leitet, regte sich kürzlich auf: Bei einer Veranstaltung in einer Universität, bei der er aus dem Berufsalltag erzählen sollte, hätten die Studierenden tatsächlich gefragt, wie viel man denn arbeiten müsse. Das hätten wir uns nicht getraut! Vielleicht hatten wir diese Frage aber auch einfach nicht nötig. Arbeit war Arbeit, danach war Freizeit und die war erholsam. Aber ungefähr zu der Zeit meines Berufseinstiegs begann durch Laptops und Mobiltelefone das Zeitalter des Work/Life-Blendings. Die Grenzen verschwammen. Das war für viele ein Segen (da schließe ich mich ein), durch den die Arbeitsprozesse flexibilisiert wurden. Aber es führte zu einer komplexeren zeitlichen Abhängigkeit von Berufs- und Privatleben und es machte vor allem die Arbeitswelt außerhalb der Büros für jeden omnipräsent. Diese Effekte führen heute aber dazu, dass es manchmal peinlich zu sein scheint, Freizeit zu haben. Stress ist ein Statussymbol geworden. Insbesondere wer gar kein Work/Life-Blending betreibt hat offenbar ständig das Gefühl, gestresst wirken zu müssen. Auf die Spitze wird das Ganze von Rentnern getrieben, die, anstatt die wohlverdienten Früchte des Ruhestandes endlich zu ernten, nie Zeit haben. Und so kann man heute ohne Doodle fast keine privaten Treffen mit Familie und Freunden mehr planen. Klar ist: Zeit hat man nicht - niemand. Aber man muss sie sich nehmen. Und so ist es mir doch sehr sympathisch, wenn Studierende mit ihren Fragen diese Verhältnisse wieder zurechtrücken möchten.

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