Erschienen am: 14.11.2017, Ausgabe SPS-MAGAZIN SPS-Special 2017

Interview mit Dr. Josef Wiesing, Geschäftsführer bei LTI Motion

"Ablöse für Einzelachsgeräte"

2013 hat LTI Motion seine Mehrachslösung SystemOne CM auf den Markt gebracht. Mit großem Erfolg, sagt Josef Wiesing. Der Geschäftsführer des Herstellers erklärt im Gespräch mit dem SPS-MAGAZIN die entscheidenden Eigenschaften des Systems, das heutige Einsatz- und Leistungsspektrum sowie die weiteren Erwartungen.


Das Mehrachs-Servosystem eignet sich mit hoher Leistungsdichte und großer Funktionalität für Anwendungen mit hohen Motion-Control-Ansprüchen.
Bild: LTI Motion GmbH

Herr Wiesing, als Sie das neue SystemOne CM vorgestellt haben, lag der Fokus auf der Leistungsdichte - also darauf, möglichst viele Achsen auf wenig Bauraum unterzubringen. Wie ist dieser Ansatz beim Kunden angekommen?

Josef Wiesing: Damals wie heute ist dieses Merkmal sehr wichtig für den Anwender und entsprechend gut ist unsere Lösung angekommen. Rückblickend hatten wir mit SystemOne CM sogar den erfolgreichsten Produkt-Launch in der Firmengeschichte und haben eine echte Erfolgsstory gestartet. Entscheidend dafür war aber auch, dass wir von Anfang an komplett hinter der Idee standen: Bereits vor dem Produktstart hatten wir in neue Fertigungstechnik investiert, streng nach Lean-Konzept und inklusive robotergestützten Testsystemen. Nur dadurch war es möglich, die schnell steigenden Stückzahlen vom Start weg in einer hohen Qualität zu fertigen.

Beim Produktstart ging es für Sie also nicht nur um neue Geräte, sondern auch um eine neue Art zu produzieren?

Wiesing: Ja, wir haben Produktionslinien gebaut, auf denen wir Einzelstücke genauso effizient fertigen können wie größere Serien.

Welche Stückzahlen ordert der Kunde typischerweise bei den Mehrachsreglern?

Wiesing: Typische Losgrößen liegen im Bereich von zehn bis 20 Geräten. Weil wir das SystemOne CM grundsätzlich nur auftragsbezogen fertigen, hängt das Fertigungsvolumen direkt von den Aufträgen der Kunden ab. D.h. wir haben kein einziges Gerät auf Lager. Das wäre bei einer solchen Produktvarianz auch nicht wirtschaftlich machbar.

Haben Sie seit dem Launch das Mehrachssystem um neue Features bzw. Geräte erweitert?

Wiesing: Das Gerüst für den SystemOne-Baukasten haben wir bereits 2011 definiert. Es umfasst die Steuerung MotionOne, die ServoOne-Antriebe sowie moderne Sicherheitstechnik. Alle grundsätzlichen Eigenschaften wurden bereits in diesem Rahmen festgelegt, da ansonsten die Gefahr besteht, dass man später Dinge nochmal anpacken muss, die eigentlich schon fertig entwickelt sind. Wir haben seit dem Produkt-Launch also nur noch Features ergänzt, die wir uns damals schon vorgenommen haben. Ein solches zeigen wir neu auf der diesjährigen SPS IPC Drives: Das Leistungsspektrum des Systems wurde jetzt so erweitert, dass wir den typischen Bereich in der Antriebstechnik komplett abdecken. Ein weiteres gutes Beispiel sind die speziellen Anforderungen der Sicherheitstechnik.

Inwiefern?

Wiesing: Auch hier bedienen wir die heutigen Anforderungen mit Funktionen, die von Anfang an im Baukasten vorgesehen waren, aber erst über die Zeit hinzugekommen sind. Weil es bei der Sicherheitsabnahme keine Veränderung im funktionalen Aufbau mehr geben darf, muss das Grundgerüst einfach stabil sein. Das war bei SystemOne CM der Fall und so bietet der Baukasten hohe Sicherheit mit allen heute üblichen Funktionen. Sowohl direkt in den Servoantrieben, als auch integriert in die Steuerung MotionOne oder - für Applikationen, in denen nur der Antriebsteil unserer Lösung zum Einsatz kommt, - mit unserer Safety-Steuerung FSM. Gekoppelt ist das Ganze über FSoE und freigegeben gemäß SIL3, Kat.4 oder PLe. Dieses Sicherheitskonzept hat sich auf dem Markt inzwischen sehr bewährt: Die Projekte, zu denen wir mit Kunden über die Safety ins Gespräch kommen, die gewinnen wir in der Regel auch.

Sie haben mit der Konzeption des Baukastens also quasi eine Roadmap definiert, die Sie seitdem Stück für Stück

umsetzen.

Wiesing: Richtig, und die Safety war ein wichtiger Teil der Roadmap, die Erweiterung des Leistungsbereichs ebenfalls. Der dritte große Punkt auf unserer Agenda war das Motion-Control-Spektrum: Stand heute können wir SPS- und Motion-Aufgaben nach IEC61131 ebenso realisieren wie Robotik oder CNC, und zwar parallel und synchronisiert.

Wird sich dieser Trend, möglichst viele Bewegungsarten in einer Steuerung zu lösen, denn am Markt durchsetzen?

Wiesing: Es gibt Anwendungen, in denen das definitiv kommt. So werden Prozesse im Umfeld einer Werkzeugmaschine, z.B. die Materialzuführung oder die -entnahme, zukünftig auch über die Robotik-Funktionalität in der CNC gesteuert. Ein weiteres Beispiel ist der zunehmende Robotereinsatz in der Verpackungsindustrie. In solchen Fällen ermöglicht es SystemOne CM den Maschinenbauern schon heute, unterschiedliche Motion-Aufgaben synchronisiert und durchgängig zu lösen: in einem System und einer Software mit einheitlicher Bedienphilosophie und konsistentem Toolset - und das Ganze auf einem sehr hohen technischen Niveau.

Welche Anzahl an Achsen lässt sich mit SystemOne CM denn sychronisieren?

Wiesing: Unser CNC-Baustein kann in der Werkzeugmaschine theoretisch bis zu 127 Achsen regeln. Bei maximaler Leistung und Zykluszeiten von 125µs sind es immer noch 16 synchron interpolierte CNC-Achsen. In der Robotik spricht man in der Regel von drei bis sechs Achsen, aber hier haben wir auch schon Systeme mit zwölf Achsen realisiert. Diese Werte sprechen also durchaus für sich und gehen weit über das hinaus, was der Anwender normalerweise benötigt.

Wie viele Achsen hat denn der Anwender im Normalfall?

Wiesing: Bei großen Anlagen reicht das Spektrum schon bis 30 Achsen, die von einer Steuerung geregelt werden. In den allermeisten Fällen geht es im mitteleuropäischen Maschinenbau jedoch um fünf bis sechs Achsen, mit leicht zunehmender Tendenz.

Für welches Anwendungsspektrum haben Sie SystemOne ursprünglich ausgelegt?

Wiesing: Durch die Akquisition von Andron im Jahr 2008 gab es naturgemäß eine Ausrichtung hin zur Werkzeugmaschine. Diese eine Stoßrichtung wurde durch die Übernahme von LTI Motion durch den Körber-Konzern bestätigt und fortgeführt. Schließlich gibt es im Konzern großes Know-how für den WZM-Bereich. Aber man muss sicherlich unterscheiden, zwischen unserer Grundausrichtung für das System und dessen genereller Flexibilität. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal deutlich machen, dass der über Standard-Ethercat-Protokolle anbindbare Antriebsteil des Systems natürlich sehr flexibel für hochperformante Mehrachssysteme in verschiedensten Applikationen eingesetzt werden kann.

Das heißt, Ihr Mehrachssystem eignet sich auch für andere Einsatzgebiete?

Wiesing: Ja, das Spektrum ist breit und wir stoßen immer wieder auf Anwendungen abseits der Werkzeugmaschine, die sich mit SystemOne CM wunderbar lösen lassen. Die bedienen wir dann natürlich gerne, wollen dabei aber keine großen entwicklungstechnischen Anstrengungen unternehmen. Denn im Zentrum des Systems steht für uns immer eine auf die Applikation abgestimmte Funktion. Wenn man breit gestreut über den ganzen Maschinenbau mal dies und mal jenes macht, lässt sich hier keine wirkliche Stärke ausbilden. Auch bei unserem Fokus auf die Werkzeugmaschine verfolgen wir keinen branchenweiten Ansatz, denn wir wollen nicht in Konkurrenz zu den ganz großen CNC-Herstellern treten. Stattdessen setzt LTI Motion auf Differenzierung durch Spezialisierung, z.B. in Bezug auf Lasermaschinen. Diesen Anwendungsbereich adressieren wir strategisch durch spezifische Entwicklungen und den Ausbau unserer Kompetenz. Darüber hinaus ist die Architektur des Systems und auch die Motion-Software auf Basis der IEC61131 natürlich bestens geeignet, um außerhalb der Werkzeugmaschine eingesetzt werden zu können. Hier sehen wir einen Schwerpunkt z.B. in der Intralogistik.

Sie haben ja bereits die erfolgreiche Markteinführung des Mehrachssystems betont. Welchen Stellenwert hat es denn heute im Portfolio von LTI Motion?

Wiesing: Im Bereich der Antriebs- und Automatisierungstechnik ist SystemOne für uns ganz klar das Kernprodukt, mit dem wir den Technologiewechsel von netzgespeisten Einachsreglern hin zu Mehrachssystemen ausgezeichnet begleiten können. Dieser Trend wird sich in vielen Marktsegmenten etablieren, schließlich lassen sich Maschinen mit Mehrachsreglern nicht nur kostengünstiger realisieren, sondern auch besser koordinieren.

Durch den Einzug der Digitalisierung wird immer mehr Funktionalität über die Software abgebildet. Ist Ihr System dieser Aufgabe gewachsen?

Wiesing: Durchaus. Hier bietet SystemOne CM noch auf viele Jahre hin eine stabile Basis, die uns neue Ausprägungen und Erweiterungen auf Software-Seite erlaubt. Die große Aufgabe für uns liegt mehr in einer besseren Vermarktung der Software. Denn in der Antriebstechnik war die Software immer Bestandteil des Produktes und wurde in der Regel nicht explizit verkauft. Daran haben sich die Kunden längst gewöhnt. Wenn aber die Wertschöpfung eines Produktes zunehmend auf Software-Seite generiert wird, dann muss sich das ändern, und dazu müssen wir als Lieferant beitragen.

Wie sehen Sie sich mit Ihrem Mehrachssystem wettbewerblich aufgestellt?

Wiesing: Ich möchte nicht überheblich klingen, aber wir sind schon stolz auf das, was wir mit SystemOne CM geschafft und erreicht haben. Wenn man die Summe aller Eigenschaften betrachtet - Kompaktheit, Performance, Funktionalität, Leistungsbereich und Safety - dann kenne ich keine zweite Lösung, die eine solche Bandbreite abdeckt. Letztendlich haben wir die Chance genutzt, das komplette System neu zu entwickeln und alle Bestandteile gleichzeitig zu konzipieren. So konnten wir Redundanzen konsequent vermeiden oder ein entsprechend attraktives Preis-/Leistungsverhältnis generieren.

SystemOne CM ist in Entwicklungspartnerschaft mit einem weiteren Automatisierer entstanden. Hat sich diese Vorgehensweise für Sie ausgezahlt?

Wiesing: Die Komplexität in der Automatisierungstechnik nimmt immer weiter zu und man tut sich als mittelständisches Unternehmen schon schwer, solche Entwicklungspakete in kurzer Zeit zu stemmen. Unsere Antwort auf diese Problematik ist die intensive Zusammenarbeit in Partnerschaften, denn durch das Zusammenbringen der jeweils besten Experten kann man auch im Mittelstand mit großer Agilität Lösungen entstehen lassen, die in der Automatisierungsbranche führend sind.

Sie sind sich auch vertriebsseitig nicht in die Quere gekommen?

Wiesing: Nein. Rückblickend betrachtet haben wir eine Art der Zusammenarbeit gefunden, die für beide Seiten sehr verträglich ist. Wir haben im gesamten Prozess bis heute keine Krise gehabt, sondern alle Herausforderungen gemeinsam gemeistert. Deswegen halten wir an der Partnerschaft definitiv fest: Sie soll in den nächsten Jahren noch einige weitere Produkte hervorbringen.

Stichwort die nächsten Jahre: Wie lange sind Sie mit dem Grundgerüst von SystemOne CM denn noch wettbewerbsfähig? Wann wird es Zeit, sich an eine neue Produktgeneration zu machen?

Wiesing: Wir sind Mitte 2013 in die Breitenvermarktung eingestiegen. Das heißt, die Baureihe ist erst gut drei Jahre auf dem Markt. Das ist nicht lange, denn die aktive Vertriebszeit eines solchen Systems liegt bei rund zehn Jahren. Auch danach werden wir die Geräte aufgrund der langen Lebenszyklen im Maschinenbau noch fertigen. Im SystemOne-Lebenszyklus sind wir aktuell also mitten im Ramp-Up und dementsprechend gibt es keinen Anlass, dieses quasi jugendliche Produkt irgendwie in Frage zu stellen. Ganz im Gegenteil: Wir bauen das System wie beschrieben kontinuierlich weiter aus.

Sie machen das Mehrachssystem also auch fit für

Industrie 4.0?

Wiesing: Industrie 4.0 wird vor allem zu übergreifenden Schnittstellen für heterogene Produktionsumgebungen führen. Dafür braucht es Kommunikationsstandards und mit diesen beschäftigen wir uns natürlich stark. Teils sind sie wie OPC UA bereits im SystemOne CM integriert, teils werden wir sie beizeiten aufgreifen, z.B. eine echtzeitfähige Anbindung via TSN. Im System selbst setzen wir aber weiterhin auf Ethercat-Kommunikation, dessen Geschwindigkeit und Performance absolut ausreicht. Aus dem Blickwinkel der Funktionalität betrachtet sind Geräte wie unser Mehrachssystem aber sogar Enabler für Industrie 4.0.

Wie meinen Sie das?

Wiesing: Nehmen wir das Beispiel Predictive Maintenance: Über die Daten und Signale unserer Geräte haben wir quasi einen Echtzeiteinblick in die Mechanik. Daraus lassen sich verschiedene Vorteile generieren: Man kann Schadensfrüherkennung in den Anlagen betreiben, analytische Modelle aufsetzen oder die Flut der erfassten Daten sinnvoll vorverarbeiten. D.h.: Moderne Antriebe wie ServoOne sind Kernkomponenten im Kontext von Industrie 4.0. Und dafür muss man die Geräte gar nicht radikal verändern, denn die benötigten technischen Eigenschaften sind eigentlich nicht neu. Neu gebraucht hingegen werden entsprechende Kommunikationskanäle, standardisierte Protokolle, sichere Cloud-Umgebungen und smarte Auswertungsmethoden.

Zusammenfassend: Wie geht es produkttechnisch weiter mit SystemOne CM?

Wiesing: Wie ich vorhin bereits erläutert habe, machen flexible Mehrachssysteme mit großer Funktionalität und hoher Leistungsdichte für Anbieter wie uns einen wachsenden Anteil des Portfolios aus. Sie lösen in vielen Anwendungen direkt netzgespeiste Einzel- und Doppelachsgeräte ab. Entsprechend wird die Bedeutung von SystemOne CM weiter wachsen, auch international gesehen. Denn SystemOne CM kommt z.B. auch in China sehr gut an. So gut, dass wir über kurz oder lang SystemOne CM auch dort produzieren werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wiesing.

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